Sonntag, 2. August 2020

[Schnipseltime] Die Drachenreiter von Mera von Sonja Röhm-Reimann


  

Leseprobe 1:

Sie hörten ein Plätschern und entdeckten schließlich neben einem Felsen einen Brunnen, in den das Wasser munter hineinplätscherte. 

»Wasser!«, rief Niro erfreut. 

Ungeachtet des kalten Windes begann er, sich sofort auszuziehen, und warf seine Kleider gleich in den Brunnen hinein. Während er das Wasser über sich schöpfte, nahm sich Karin seine Sachen vor und walkte sie in dem kleinen Becken ordentlich durch. 

Sora hatte inzwischen den Weg ein Stück weiter erkundet. 

»Da hinten muss ein Bach oder Fluss sein«, rief sie zu ihnen herüber. »Komm, Karin! Vielleicht finden wir Seifenkraut.« 

Karin unterbrach ihre Bemühungen und folgte Sora. Nach wenigen Metern machte der Weg eine Biegung und führte bergab und Karin konnte das leise Plätschern von Wasser hören. Sie liefen darauf zu und erreichten nach Kurzem den gesuchten Bach. 

»Ich gehe rechts, du links«, bestimmte Sora. »Du weißt, wie Seifenkraut aussieht?« 

Karin nickte. 

Sie wurden beide fündig und eine jede hatte einen großen Strauß davon in der Hand, als sie sich wieder trafen. Sie liefen eilig zurück, aber als sie den freien Platz mit dem Brunnen erreichten, mussten sie feststellen, dass Niro verschwunden war. Auch seine Kleider waren weg. 

Sora legte ihr Seifenkraut auf den Brunnenrand und musterte den Boden, während Karin stocksteif stehenblieb und den einsamen Brunnen anstarrte, als könne sie damit Niro wieder herbeizaubern. 

»Da sind Spuren!« 

Karin ließ ihr Seifenkraut fallen und ging zu Sora hinüber. Tatsächlich. Mehrere Schuhabdrücke und die Abdrücke von Niros bloßen Füßen waren zu erkennen. Ein Teil stammte von ihren Stiefeln, aber es gab noch andere Abdrücke, die eindeutig nicht von ihnen waren. Niros Spur führte vom Brunnen weg, ein Stück den Weg entlang und wandte sich dann nach links durch das Schilf. Begleitet wurde sie von mindestens drei verschiedenen Schuhabdrücken. 

In der Ferne hörten sie eine Ziege meckern. 

»Schnell!«, rief Sora. »Vielleicht können wir sie noch einholen!« 

Sie folgten, so schnell sie konnten, den Spuren durch das Schilf. Bald war der Schilfgürtel zu Ende. Vorsichtig lugten sie hervor. Nicht weit von ihnen stand ein Ziegenwagen neben der dort verlaufenden Straße. Es war ein hoher, geschlossener Kastenwagen, der wohl für Viehtransporte genutzt wurde. Seine Rückwand war heruntergelassen und bildete eine Rampe ins Innere, in dem ein wenig Stroh herumlag. Ein Mann lehnte lässig an der Wand des Wagens und kaute auf etwas herum. 

Von Niro und den Männern, die ihn begleitet haben mussten, fehlte jede Spur. Zögernd verließen Sora und Karin ihre Deckung und gingen auf den Mann mit dem Ziegenwagen zu. 

Als er sie sah, stieß er sich von der Wand ab und spuckte aus. 

Er wies mit einer einladenden Geste auf die Rampe. 

»Ich bitte einzutreten!«, sagte er galant und mit einem breiten Lächeln, was den Blick auf eine lückenhafte Reihe verfärbter Zähne freigab. 

Sie blieben stehen. 

»Wenn ihr Niro wiedersehen wollt, werdet ihr einsteigen«, sagte er kalt und wiederholte seine Geste. 

Sie sahen sich an. Der Mann kannte Niros Namen! Langsam gingen sie näher heran. 

»Was habt ihr mit Niro gemacht?«, herrschte Sora den Mann an. 

»An einen sicheren Ort gebracht«, antwortete dieser und lehnte sich wieder an die Wagenwand. »Und ihr solltet euch langsam entscheiden, ehe es zu spät ist.« 

In der Ferne war plötzlich das Getrappel von Ziegenhufen zu hören. Der Mann hörte es auch. 

»Beeilt euch!«, sagte er eindringlich. »Die Soldaten suchen euch; sie sind gleich hier!« 

Woher wusste er dies alles? Zögernd kamen sie noch etwas näher. Das Ziegengetrappel wurde lauter und dann bog ein Trupp Soldaten um die Ecke und kam den Weg entlang auf sie zu. Hektisch sah sich Karin nach einer Fluchtmöglichkeit um. Momentan waren sie hinter dem Ziegenwagen verborgen, aber sobald sie zum Schilfgürtel zurückliefen, waren sie ohne Deckung. Zu Fuß hatten sie keine Chance, den Ziegenreitern zu entkommen, wenn sie einmal entdeckt waren. Es war zu spät, um davonzulaufen! Sie hatten keine andere Wahl, als einzusteigen, doch noch immer zögerten sie. 

»Los doch! Sonst ist es zu spät!«, drängte der Mann. 

Sie fassten sich an den Händen und stiegen über die Rampe in den Wagen. Sofort klappte der Mann die Rampe hoch und verriegelte sie. 

Sie waren gefangen. Wenn er sie jetzt an die Soldaten verriet, war es aus. Angestrengt spähten sie durch einen schmalen Spalt zwischen den Brettern nach draußen. Auf Höhe des Ziegenwagens hielten die Ziegenreiter an. 

»Hast du einen Mann und zwei Frauen gesehen, die hier entlanggekommen sind?«, fragte einer der Soldaten. 

»Nein«, antwortete der Mann und als die Soldaten schon im Begriff waren, weiterzureiten, fügte er hinzu: »Nur zwei Frauen. Wieso fragt ihr das?« 

»Das geht dich nichts an. Was genau hast du gesehen?« 

»Ich weiß nicht«, sagte der Mann ausweichend. »Was wollt ihr denn von ihnen?« 

»Willst du uns die Antwort verweigern?« 

»Vielleicht waren es nicht die, die ihr sucht?«, wich der Mann abermals aus. 

»Wie haben sie ausgesehen?« 

»Hübsch.« 

Trotz der enormen Anspannung unter der Karin und Sora standen, mussten sie ein Lachen unterdrücken. 

»Antworte gefälligst vernünftig!« 

»Die eine hatte braune Haare«, ließ sich der Mann dazu herab, zu antworten. 

»Dann sind es die Gesuchten.« 

»Was haben sie denn getan?« 

»Es sind Drachenreiter!« 

»Oh, wie furchtbar! – Ist das ein Verbrechen?« 

Der Soldat schnaubte, aber er gab dem Mann Antwort. 

»Sie halten sich ohne Genehmigung in Elnamira auf und haben in einem Lokal eine Schlägerei angezettelt.« 

Sora holte tief Luft. »Diese Lügner!«, flüsterte sie erbost. 

Karin konnte nur nicken. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals. 

Der Mann lachte schallend. 

»Höre ich recht? Frauen sollen eine Schlägerei angezettelt haben?« 

»Es sind Drachenreiter. Was soll man von diesen Wilden schon erwarten? Und wer weiß, wie viele von denen sich noch hier herumtreiben. Jetzt sag uns endlich, was du gesehen hast, sonst nehmen wir dich mit!« 

»Mit oder ohne meinem Ziegenwagen?«, fragte der Mann unschuldig. 

Der Soldat schnaubte wieder. Wenn der Mann so weitermachte, würde er den Soldaten noch zur Weißglut bringen und es erreichen, dass die Soldaten in den Wagen sehen wollten. 

Prompt betrachtete der Soldat den Wagen. 

»Was tust du überhaupt hier?«, fragte er misstrauisch. »Wieso hältst du hier an?« 

Karin fasste unwillkürlich nach Soras Hand. 

Der Mann schien nicht im Geringsten beunruhigt. 

»Oh. Ganz einfach: Mich hat es wo gedrückt und ich habe mich ins Schilf zurückgezogen.« 

Der Soldat war nicht so schnell zu beruhigen. 

»Und wieso hattest du die Rampe geöffnet? Als wir gekommen sind, hast du sie gerade verschlossen.« 

»Hast du nicht gewusst, dass Schafe stinken?«, erklärte der Mann, als ob er den Soldaten für dämlich hielt. »Ein bisschen frische Luft hat meinem Wagen sehr gut getan. Aber wieso interessierst du dich auf einmal für meinen Wagen? Ich dachte, ihr seid auf der Suche nach diesen gefährlichen Drachenreitern? Soll ich dir denn jetzt nicht mehr erzählen, was ich gesehen habe?« 

Erneut schnaubte der Soldat, bevor er jedoch dazu kam, etwas zu sagen, deutete der Mann auf den Schilfgürtel. 

»Sie sind da hinten aus dem Schilf gekommen und als sie mich gesehen haben, sind sie bachabwärts wieder darin verschwunden. Weit können sie nicht sein, über den Sumpf können sie nicht. Wer sich da nicht auskennt, bleibt stecken. Aber weiter unten gibt es eine Brücke. Wenn sie die erreichen, bevor ihr sie findet, tauchen sie in der Siedlung unter. Ihr solltet euch lieber beeilen, statt mit mir zu plaudern und dabei wertvolle Zeit zu verschwenden!« 

Abermals schnaubte der Soldat, doch statt etwas zu sagen, drückte er seiner Ziege die Fersen in die Seite und verschwand mit seinen Männern im Schilf. 

Der Mann grinste und klopfte an die Wagenwand. 

»Ihr könnt wieder atmen, sie sind weg!« 

Als ob sie solange die Luft hätten anhalten können … 

»Und jetzt wisst ihr, was euch vorgeworfen wird.« 

Er stieg auf und ließ seine Ziegen loslaufen. Der Wagen war nicht gefedert und Karin und Sora wurden ordentlich durchgeschüttelt, als der Mann in flottem Tempo über den holprigen Weg fuhr. 

»Wohin bringt er uns nur?«, fragte Karin. 

»Hoffentlich wenigstens dahin, wo Niro ist«, erwiderte Sora und fügte dann noch hinzu: »Der Wagen riecht kein bisschen nach Schaf. Der Soldat war wirklich dämlich.«


Leseprobe 2:

Der Mann nahm den Krug und stieß mit seinen Tischnachbarn an, dann stand er auf und sah sich herausfordernd im Raum um. Dabei hielt er seinen Krug in der Hand. 

»Der sucht Streit«, stellte Sora fest. 

Der Mann schien nicht unbekannt zu sein, denn alle blickten betont unschuldig auf ihre Tische und vermieden es, ihn direkt anzusehen. Unglücklicherweise kam in diesem Augenblick Löwenmähne mit ihren Erdknollen und lenkte seine Aufmerksamkeit damit auf ihren Tisch. Nachdem sie bezahlt hatten, verkündete sie ihnen, dass Mirana bei ihnen vorbeischauen würde, wenn sie gegessen hätten. Mehr sagte sie nicht mehr, denn jetzt kam der Mann zu ihnen herüber. Löwenmähne beeilte sich, zu verschwinden. 

Der Mann beugte sich vertraulich zu Karin hinunter. 

»He, du Hübsche! Willst du nicht zu mir an den Tisch kommen und mir ein wenig Gesellschaft leisten?« 

»Nein, danke«, antwortete Karin mit freundlichem Tonfall und hoffte, er würde von ihr ablassen. 

Das tat er natürlich nicht. 

»Aah – nein. Du wirst mich doch nicht beleidigen wollen? Du kommst jetzt zu mir herüber und trinkst mit mir einen schönen Krug Sud!« 

»Ich trinke so etwas nicht. Du siehst doch, dass ich Tee habe!« 

Langsam begann ihr, mulmig zumute zu werden. 

Jetzt fasste sie der Mann am Arm und machte Anstalten, sie von ihrem Stuhl hochzuziehen. 

»Wenn du es erst einmal probiert hast, wirst du deinen Tee wegschütten!« 

»Nein. Lass mich bitte in Ruhe!« 

Er ließ nicht locker und versuchte, sie mit Gewalt von ihrem Stuhl zu reißen. Karin stemmte sich dagegen und da er nur eine Hand frei hatte, gelang es ihm nicht gleich, sie hochzuziehen. 

Jetzt griff Niro ein. 

»Lass sie in Ruhe!« 

Der Mann hielt kurz inne und richtete seinen Blick auf Niro, dann schüttete er ihm ohne Vorwarnung den Inhalt seines Kruges ins Gesicht. 

Niro starrte den Mann fassungslos an, hob dann die Hände vor sein Gesicht und betrachtete, wie die süßlich-klebrige Flüssigkeit von seinen Fingern tropfte. Sora schnappte nach Luft und blieb mit offenem Mund wie eingefroren sitzen. 

Alkohol, schoss es Karin durch den Kopf. Das ist Alkohol. Sofort kam ihr die Erinnerung an Ron und wie Glandor sich auf ihn gestürzt hatte. Jetzt konnte Niro nicht mehr zu seinem Drachen! Drachen rochen es noch nach Tagen, wenn jemand etwas getrunken hatte.

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