Dienstag, 25. August 2020

[Reiheninterview] "Sturm über" - Reihe von Irvin L. Kendall

  

Reihenvorstellung

Heute treffe ich mich mit Irvin L. Kendall, um mit ihm über seine Reihe „Sturm über“ zu sprechen.

Hallo, danke, dass du heute Zeit hast, um mit mir über deine Reihe zu reden.
Ich freue mich, dass du mir diese Möglichkeit gibst. 😊
Kannst du uns deine Reihe, bestehend aus den Teilen „Sturm über Sodom“, „Sturm über Boston“ und „Sturm über Barcelona“ mit wenigen Worten vorstellen?
Sage einem Autor, er solle sich kurzfassen … ^^ 
Die Grundidee zu „Sturm über Sodom“ entstand aus der Überlegung, wie es sich in einer eigentlich modernen Zeit und modernen Gesellschaft mit einem Sodomie-Paragrafen lebt, der einem letztlich alles verbietet. Sprich: Ich wollte nicht so weit zurückgehen und einen Historienroman schreiben (auch wenn es noch gar nicht lange her ist, dass bei uns ein solcher Paragraf galt) und auch nicht in ein Land abschweifen, in dem die Moderne noch nicht so angekommen ist. Nein, es sollte ein vermeintlich modernes westliches Land mit aktivem Sodomie-Paragrafen bis in die jüngste Zeit hinein sein. Die Südstaaten der USA schrien förmlich danach, das Setting dafür zu werden. Nach etwas Recherche wurde es das Jahr 2000 in Charleston, South Carolina. Das ist der Ausgangspunkt der Reise, in dem es in der Hauptsache um den Kampf für LGBT-Rechte geht. 
Hauptprotagonist ist Gale, der sich als LGBT-Anwalt diesem Kampf stellt. Natürlich war er als schwuler Mann immer schon persönlich betroffen, doch als er Jesse kennenlernt, wird ihm erst so richtig klar, wie desaströs dieser Paragraf ist. Denn sie sind als Paar vollkommen rechtlos. Was für heterosexuelle Paare selbstverständlich ist, ist für sie unerreichbar, zumal sie potenzielle Straftäter sind. Sie verstoßen permanent gegen ein geltendes Gesetz, während es kein einziges gibt, was sie schützen würde. In Boston gibt es diese Gesetze dann, doch die Gesellschaft ist nicht unbedingt erfreut. In Barcelona wiederum ist LGBT in der Gesellschaft angekommen, Gale und Jesse haben sich aber noch nicht daran gewöhnt, auf einmal akzeptiert zu werden. 
In allen drei Bänden laufen nebenbei Kriminalfälle. Allerdings ist kein Band in dem Sinne ein Krimi, denn Gale ist ja Anwalt, kein Polizist. In „Sodom“ versucht er, die Ermordung des Journalisten Adrian Jenkins aufzuklären, der vor seinen Augen erschossen wurde. In „Boston“ ist der Koch Victor Curran sein Mandant, der ihm ein schreckliches Geheimnis offenbart. Nur „Barcelona“ hat etwas von einer Detektiv-Geschichte, weil Gale sich da bewusst in eine Ermittlung drängt.
Somit ist Sodom eher ein Südstaatendrama und Politische Belletristik, Boston ist irgendwo zwischen Politischer Belletristik und Thriller, Barcelona kann man Cosy-Krimi nennen.
Und natürlich ist es auch die Liebesgeschichte von Gale und Jesse, die sich in „Sodom“ treffen und dann nie wieder loslassen. Trotz gewisser Freizügigkeiten würde ich sie als konservatives Paar beschreiben (Gale bezeichnet sie selbst als „spießig“), sprich: Sie sind einander treu und leben monogam, sind echte Gefährten, die gemeinsam durch alles gehen, was das Leben so für sie bereithält.
Deine Charaktere wachsen mit ihren Aufgaben, entwickeln sich weiter, bestehen so manche Situation. Fällt es dir leichter sie durch einfache, lustige oder durch schwierige, düstere Zeiten und Situationen zu führen?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Sowohl die guten als auch die schlechten Zeiten gehören zum Leben dazu, und ich mag sowohl das Drama als auch pointierte Situationen und Dialoge. Am schwersten fällt mir Romantik. Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch, sodass das nicht mein Ding ist. Bei „Sturm über“ habe ich mich darin gerettet, dass ich Gale diese Eigenschaft verliehen habe, und er tut sich in solchen Momenten schwer. Er ist nicht gut darin, seine Gefühle auszudrücken, was aber nicht bedeutet, dass er sie nicht hat. Jesse hat es mit: „Du bist scheiße in Romantik, also lass es einfach“, kommentiert.
Hast du Lieblingsstellen in deiner Reihe, die du uns gerne vorstellen würdest?
Da gibt es natürlich eine Menge … Aber ich werde mich bemühen, mich auf wenige Schlüsselszenen zu beschränken.
Diese Szene aus „Sodom“ ist – künstlerisch umgesetzt – die Vorlage für das Cover.
Gale stammt aus dem alten Südstaatenadel, und Jesse fragt ihn: „Und Plantagenbesitzer sind heute echt arm? Die meisten dieser Häuser sehen aber immer noch sehr herrschaftlich aus.“
„Viele wurden verkauft und sind heute keine landwirtschaftlichen Betriebe mehr“, erklärte Gale. „Entsprechend werden sie ausstaffiert und gepflegt. Die Höfe, die wirklich noch welche sind, sind wie der Vorhang aus Vom Winde Verweht.“
„Vorhang?“
„Die Szene, in der die Frauen für Scarlett ein Kleid aus einem Vorhang nähen, das einzige noch luxuriöse Stück im ganzen Haus, damit sie so tun kann, als wäre alles super. Ich fand immer, dass es symbolisch für den alten Süden steht, und ganz besonders für Familien wie meine. Mehr Schein als Sein.“
Natürlich ist auf dem Cover kein Vorhang zu sehen, aber es eine Interpretation von „Mehr Schein als Sein“, zumal in „Sodom“ eine solche pompöse Villa eine Rolle spielt.
Diese Kernszene aus „Sodom“ beschreibt das Dilemma, um das sich alles dreht:
Majestic setzte sich ihnen gegenüber, während vorne wer auch immer einstieg und kurz darauf den Motor startete. Er musterte sie einen Moment und lächelte dann. „Ihr beide seid süß. Ich hoffe, ihr werdet lange glücklich miteinander sein. Allerdings solltet ihr von hier weggehen.“
„Wieso?“, fragte Jesse misstrauisch, vermutete wie Gale eine versteckte Drohung.
„Weil ihr nichts von dem, was ihr unweigerlich irgendwann wollen werdet, hier jemals werdet umsetzen können. Heiraten, ein gemeinsames Haus kaufen, vielleicht ein Kind adoptieren … Hier könnt ihr euch ja nicht mal zusammen versichern lassen, und daran wird sich auch niemals etwas ändern. Egal, ob sie den scheiß Paragrafen irgendwann streichen oder nicht. Ihr werdet immer Menschen zweiter Klasse ohne nennenswerte Rechte bleiben. Inzwischen haben ja sogar wir Nigger mehr Rechte – zumindest theoretisch und sofern wir nicht gerade schwul sind. Dann sind wir sozusagen doppelt gearscht.“ Majestic lachte zynisch.
Majestic ist ein Zuhälter, aber einer der wenigen, der ihnen hilft, während sich alle anderen taub stellen oder sich von ihnen abwenden. Es war interessant, eine an sich negative Figur positiv zu besetzen.
Und diese Szene, auch aus „Sturm über Sodom“, definiert wie keine andere die Beziehung zwischen Gale und Jesse.
„Warum, denkst du, bin ich so abgefuckt?“ Es war eine rhetorische Frage. Sie schlug Gale ebenso auf den Magen wie die Tablette, sodass er sich wenig später würgend und keuchend im Bad wiederfand, während Jesse ihm den Kopf hielt und beruhigend auf ihn einredete.
„Ich bezahle für etwas, wofür ich nichts kann“, brachte Gale hervor, kaum, dass er sich seines Mageninhalts entledigt hatte. „Es hat mich Jahre gekostet, herauszufinden, warum sie mich so ablehnen, warum ich nichts richtig machen konnte. Ich bin immerzu gegen Wände angerannt, im Versuch, sie für mich zu interessieren und ihnen meinen Wert zu beweisen.“
„Man muss niemandem seinen Wert beweisen.“ Jesse stellte den Eimer weg, nahm Gale in die Arme und streichelte ihm die Tränen von den Wangen. „Ich liebe dich. Und du musst überhaupt nichts dafür tun.“
Das brachte Gale erst recht zum Heulen, zumal es das erste Mal war, dass Jesse die berühmten drei Worte gesagt hatte. Es hatte umso mehr Gewicht, weil er dabei auf dem Klo saß, haltlos in Jesses Hemd schluchzte und sich an ihn klammerte wie ein hilfloses Kleinkind. Es war kein bisschen romantisch, weit entfernt von Sonnenuntergang, Kerzen und Rosen. Und doch hatte es so viel mehr Bedeutung.
Obwohl es hier weniger um Gale und Jesse geht, steht diese Szene symbolisch für „Sturm über Boston“, den Spagat zwischen der entsprechenden Gesetzgebung und dem Umgang der Gesellschaft damit.
„Man sollte euch eure Kinder wegnehmen und euch zwangssterilisieren, damit keine Saat des Teufels mehr nachkommen kann!“ FOFFA war endgültig entgleist. Jetzt kam gleich noch die Sache mit dem „solange vergewaltigen, bis ihr hetero seid“, und zwar in drei, zwei …
„Ich dachte, ihr seid gegen Abtreibung, weil alles Leben wertvoll ist!“ Jeanne war auch nicht mehr ganz Herrin ihrer Sinne. „Was ist mit eurer grenzenlosen christlichen Nächstenliebe? Was ist mit der Behauptung, dass Gott jedes Lebewesen liebt? Ich habe euren Scheiß gelesen. Jeder Satz ist ein Widerspruch zum vorherigen. Am Ende dreht sich alles nur darum, dass ihr eure Lebensweise als die einzig richtige durchsetzen wollt, weil Gott uns ja angeblich nicht liebt.“
„Wie sollte er, wenn ihr ihn verhöhnt?“, schallte es zurück.
„Oh, oh“, murmelte Gale und strebte vorwärts.
Doch es war zu spät.
Irgendwer aus den Reihen der FOFFA warf einen Stein oder etwas Ähnliches, Jeanne ließ einen Wutschrei los, der jeder Amazone zur Ehre gereicht hätte, und dann brach die Hölle los.
Die beiden Gruppen strebten aufeinander zu, die Polizei verstärkte ihre Reihe, von hinten drängten Leute nach, sodass Gales Plan vereitelt wurde. Stattdessen wurden sie noch näher an die Linie zwischen den beiden Mengen herangeschubst.
Gale ergriff mit einer Hand Jesses, mit der anderen Scarletts, die wiederum Faye festhielt, und gemeinsam versuchten sie nun, nach schräg links in Richtung der Polizeiwagen zu kommen.
Der Kontakt zu Keith und Milton riss ab, und Gale sah im Augenwinkel gerade noch, wie Milton sich mitten in das entstehende Getümmel stürzte. Er schüttelte den Kopf. Das sah dem besonnenen Mann nicht ähnlich, aber manchmal machte einen so viel Schwachsinn so wütend, dass man nicht anders konnte.
Rechts von ihnen brach Tumult los, wie ein Keil drängte eine größere Gruppe vorwärts, was Gale, Jesse und die beiden Frauen glücklicherweise weiter an den Rand spülte. Trotzdem erhielten sie etliche Rempler, als sie sich durch die Menge kämpften.
Sie hatten die Polizeiwagen fast erreicht, als direkt vor ihnen ein FOFFA-Anhänger auftauchte, hochrot im Gesicht, schäumend vor Wut. „Ihr solltet alle auf dem Scheiterhaufen brennen!“, schrie er und fuchtelte mit einem Protestschild herum. Keine Ehe für Homos, stand darauf. Dann erstarrte er und stierte Faye entgeistert an. „DU? Was machst du hier?“
Faye, die sich sichtlich erschrocken hatte, fasste sich schnell wieder. „Ich unterstütze die LGBT in ihrem Kampf für ihre Rechte.“
„So ein Blödsinn!“, knurrte er. Sein Blick war jetzt feindselig. „Wieso solltest du so etwas tun?“
Nervös schluckte Faye und kämpfte wohl den Wunsch nieder, sich in Luft aufzulösen oder sich hinter Scarlett oder Gale zu verstecken. „Weil ich lesbisch bin“, sagte sie dann tapfer und reckte herausfordernd das Kinn. Gale bemerkte aber, wie ihre Hände zitterten.
„Was?“ Der Mann sah aus, als würden ihm gleich die Augen aus den Höhlen fallen. „Bist du verrückt geworden?“
„Nein, lesbisch“, erwiderte sie. „Ich meine, ich bin nicht lesbisch geworden, ich war es immer schon. Ich habe mich nur dafür entschieden, dazu zu stehen.“
„Du dummes Miststück!“ Der Mann machte einen Schritt vorwärts, Gale und Jesse jedoch auch, schirmten Faye von ihm ab. 
In „Sturm über Barcelona“ hingegen müssen sie erstmals feststellen, dass SIE das Problem sind und nicht die Gesellschaft, eine ganz neue Erfahrung für sie.
„Ne. Wir hätten viel eher merken können, dass Sara das Problem ist, wenn wir uns nicht so ausschließen würden. Wir sind fast schon selbstgerecht und haben uns in der Opferrolle eingeigelt.“
„Findest du?“, fragte Jesse erstaunt und legte das Buch weg. „Uns hat von den anderen nie jemand angesprochen. Nahias Eltern hätten doch auch zu uns kommen können. Ich denke, das liegt eher an der allgemein schlechten Kommunikation, zumal Sara die von Anfang an unterbunden hat.“
Gale streckte sich neben ihm aus und legte einen Arm um ihn. „Dass sie die Kommunikation unterbunden hat, stimmt. Das meine ich aber nicht. Ich hatte den Gedanken auch, sie hätten uns ansprechen können, aber wenn du genauer darüber nachdenkst, liegt es nicht an ihnen. WIR haben den Eindruck vermittelt, nicht angesprochen werden zu wollen. Wir haben uns mit Paaren wie Matt und Ben angefreundet, weil das unsere Welt ist. Um einen Kontakt zu Nahias Eltern oder auch anderen Hetero-Paaren haben wir uns nie bemüht.“
„Wegen der Opferrolle?“ Jesse spitzte die Lippen – oder zog eine Schnute, wie Gale es nannte -, während er ihr Verhalten reflektierte.
„Wir erwarten, abgelehnt zu werden, weil wir bisher immer abgelehnt wurden. Oder es kommt zu diesem übertriebenen Verständnis der sogenannten Unterstützer, die in jedem dritten Satz betonen, dass es voll okay ist, wenn wir schwul sind.“ Gale rollte die Augen, als er an eine Mutter in Chases Kindergartengruppe in Boston dachte. Sie hatte nett sein wollen, jedoch alles bloß schlimmer gemacht. „Obwohl wir wegen Chase hergezogen sind, bleiben wir weiterhin auf Abstand. Warum sollen sie dann auf uns zugehen? Wieso sollen sie denken: ‚Die trauen sich vielleicht nicht, weil sie annehmen, wir wären homophob‘, wenn es für sie nichts Außergewöhnliches darstellt, dass zwei Kerle ein Kind haben? Nein, sie werden denken: ‚Die sind nicht an einem Kontakt interessiert.‘“
Aber natürlich geht es nicht nur um LGBT-Rechte oder Kriminalfälle. Diese Szene sagt unendlich viel über Gales und Jesses Beziehung aus.
„Biene“, sagte Gale. „Eine Biene hat eben nicht nur eine Blume. Eine Blume jedoch auch nicht nur eine Biene. Ich habe dir doch gesagt, wir sind spießig.“
„Möchtest du eine Biene sein und eine Blumenwiese begatten?“ Spielerisch knabberte Jesse an Gales Brustwarzen.
„Ich hatte meine Wiese. Ich stehe zu meiner Spießigkeit. Oder zu dir. Was immer dir besser gefällt.“ Gale liebkoste Jesses weiche Haut und nahm die Wärme und den Geruch seines Partners in sich auf, beides so vertraut und doch immer wieder neu und aufregend.
„Ich bin also deine Spießigkeit?“, fragte Jesse mit empörtem Unterton.
„Zu unromantisch?“ Gale sah in Jesses klare blaue Augen. Der erwiderte den Blick vielsagend.
„Du bist der einzige Mann, bei dem ich mir je vorstellen konnte, aufzuhören, eine Biene zu sein und …“ Gale hielt inne und dachte einen Moment nach. „Ne, das klingt schwachsinnig. Ich habe meine Blumenwiese für dich aufgegeben, und es hat mir nie leidgetan und daher …“ Erneut geriet er ins Stocken. „Ich glaube, ich sollte das mit der Romantik besser lassen.“
Jesse stützte sich auf den Ellenbogen und brachte sein Gesicht etwas näher an Gales. „Du könntest einfach sagen, dass du mich liebst.“
Für einen Moment versank Gale in dem Blau, das ihm von Anfang an das unverrückbare Gefühl gegeben hatte, zu Jesse zu gehören. Es wäre so einfach, diese drei Worte auszusprechen, und doch sperrte sich alles in ihm dagegen.
„Das ist mir zu platt. Vor allem, weil so viele Leute glauben, dass diese drei Worte so etwas wie ein Zauberstab sind, den man schwingt, und dann sind da Zuneigung, innere Verbundenheit und die Fähigkeit, gemeinsam durch jeden Scheiß zu gehen, den das Leben für einen bereit hält. Du bist dieser Mensch für mich, und du verdienst mehr als ein Klischee.“
Wie viel echter Irvin steckt in deinen Büchern oder dem ein oder anderen Charakter?
Gale ist wahrscheinlich der Charakter, der mir bisher am ähnlichsten war / ist. Er ist ein pragmatischer Realist, immer ein bisschen sarkastisch - und bekennender Atheist. Er gibt auch in frustrierenden Situationen nicht auf und hält an seinen Prinzipien und Zielen fest. Er hat aber auch Eigenschaften, die ihn zu einer eigenständigen Persönlichkeit machen.
Wann stand die Idee eine Reihe zu schreiben? Stand es von vornherein fest, dass es ein Mehrteiler wird, oder haben die Protagonisten ein Eigenleben entwickelt?
„Sturm über Sodom“ war als Stand alone gedacht. Dass Gale und Jesse am Ende nach Boston gehen, war mehr der Tatsache geschuldet, dass die Mehrheit der Leser lieber ein Happyend mag. Es ist kein echtes Happyend, aber ich wollte zumindest einen Lichtblick schaffen, ein versöhnliches Ende, eine leise Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 
Die Idee für „Sturm über Boston“ entstand aus der Bemerkung einer Testleserin, die zu der Beschreibung des Menüs gegen Ende von „Sodom“ sagte, sie würde auch gern mal zum Testessen vorbeikommen. Ich antwortete, ich würde sie dazu einladen, sollte ich mal eine Geschichte über einen Koch schreiben. Seitdem schwirrte mir der Koch im Kopf herum, wo er sich aus irgendeinem Grund mit einem Serienkiller verband, der mal in Boston sein Unwesen getrieben hat. (Ich sehe Unmengen an Kriminal-Dokumentationen.) Da ich Gale und Jesse nun ausgerechnet nach Boston geschickt hatte … 
Bei „Boston“ hingegen hatte ich absichtlich ein Element für eine Fortsetzung eingebaut, die sich dann aber ums Verrecken nicht schreiben lassen wollte. Hier war es vor allem Gale, der auf den angedachten Plot keinen Bock hatte. 
Über etliche Umwege kam es zu „Sturm über Barcelona“, das ganz anders ausgefallen ist als geplant, aber so – denke ich – sogar besser passt. „Barcelona“ beschließt das Hauptthema – LGBT-Rechte -, sodass es definitiv bei den drei Bänden bleiben wird. Vielleicht wird es weitere Bücher mit Gale und Jesse geben, dann aber nicht im Rahmen von „Sturm über“.
Wann kamen die Titel? Standen die im Vorfeld schon fest, oder entwickelten sie sich im Laufe des Schreibprozesses?
„Sturm über Sodom“ hat sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert. „Sodom“ war von Anfang an naheliegend, da es ja um den Sodomie-Paragrafen ging. Damit etwas zu machen, bot sich förmlich an. Der „Sturm“ bezieht sich dabei nicht auf ein Unwetter, sondern auf den Namen des Hauptprotagonisten, Gale. War aber wunderbar passend. „Sturm über Boston“ und „Sturm über Barcelona“ sind dann natürlich einfach nur der Reihe geschuldet.
Wer ist denn der Coverdesigner?
Das ist die wundervolle Diana Buidoso, mit der ich schon eine Weile zusammenarbeite und die bisher alle meine Cover designt hat.
Bist du mit deinen Covern zu 100% zufrieden, oder würdest du nachträglich noch etwas ändern wollen?
Nein, ich würde nichts ändern wollen. Die Cover passen immer genau zum jeweiligen Buch, greifen eine Schlüsselszene auf oder transportieren die Atmosphäre. 
Bei „Sturm über Boston“ und „Sturm über Barcelona“ waren wir natürlich insofern eingeschränkt, dass sie zu „Sturm über Sodom“ passen mussten. Wenn man alle drei nebeneinanderlegt, sieht man, dass Diana die Figuren immer weiter in den Vordergrund gerückt hat. Es drückt die Gewichtung aus. „Sodom“ ist eher plotgetrieben, in „Boston“ geht es – neben dem Fall – schon mehr um das Paar, in „Barcelona“ rücken Gale und Jesse als Team, als Paar noch weiter in den Vordergrund. 
Auch wirkt es immer weniger erdrückend. Bei „Sodom“ erschlägt die Schrift förmlich (und absichtlich) das friedliche Bild, bei „Barcelona“ ist alles befreiter. 
Dass ich keine Gesichter oder nackte Kerle auf dem Cover habe – wie im Gay Genre oft zu finden -, liegt dann wiederum an meinem persönlichen Geschmack. Ich habe Sexszenen dabei, aber ein nackter Kerl würde eine Geschichte wie „Sodom“ nicht widerspiegeln. Und ich habe eine genaue Vorstellung meiner Protagonisten im Kopf. Jeder Versuch, dem das Gesicht eines Models zuzuordnen, würde scheitern. Somit eben immer lieber etwas, das eine bestimmte Stimmung ausdrückt. 
Bei „Sodom“ wird die hübsche Südstaatenvilla durch das Gatter am Eingang und die Schrift eingeengt, um die Falschheit des friedlichen Bilds zu unterstreichen, und Gale und Jesse sind Gefangene dieses Konstrukts. In „Boston“ erleben sie schönere Momente zusammen, doch alles wird von dem wahnsinnigen Koch und anderen schlimmen Ereignissen durchdrungen. Andererseits können sie sich schon viel freier bewegen. „Barcelona“ hingegen ist – trotz des Kriminalfalls – das Ende der Reise. Ein Ankommen, eine Befreiung. Alles sieht nicht nur hübscher aus, sondern ist auch tatsächlich so.
Zum Abschluss würden mich noch deine Lieblingszitate aus den Büchern interessieren.
Nachdem ich mich bei den Lieblingsstellen eher auf die ernsten Momente konzentriert habe, sind die Lieblingszitate eher witzige Stellen.
Jesse war längst hart und rieb sich gegen Gales Erektion, die seiner in nichts nachstand. Erregung erfasste ihre Körper, und Gale hatte zum ersten Mal den Eindruck, mit jemandem auf der gleichen Welle zu schwingen, genau empfinden zu können, was der andere fühlte. Er schob die Hände unter Jesses Shirt und …
„Mau?“, unterbrach Christobal sie, so laut, dass sie erschrocken zusammenzuckten und den Kuss unterbrachen.
„Hunger?“, fragte Gale zurück.
„Mau“, erwiderte der Kater und setzte sich in Richtung seines Futterplatzes in Bewegung.
(Sturm über Sodom)

„Du bist zu zart besaitet.“ Tröstend tätschelte Scarlett sein Knie. „Das ist das Problem mit euch Schwulen. Ihr seid alle so nett.“
Empört sah Gale sie an, und sie grinste frech.
„Das ist voll der homophobe Spruch!“
„Stimmt doch irgendwie, oder nicht?“
„Du meinst, ein Hetero-Mann – auch gern als ‚echter Mann‘ oder ‚harter Kerl‘ bezeichnet - schüttelt die abgetrennte Hand und sagt ‚Hallo‘?“
Jetzt verbiss Scarlett sich eindeutig ein Lachen, und auch Gale fiel es schwer, seine Entrüstung aufrecht zu erhalten. „So ähnlich. Der Schwanz geht dir doch nur so nahe, weil du schwanzaffin bist.“
Schwanzaffin. „Und das bin ich, weil ich schwul bin?“
„Ich glaube, jeder Schwanzträger ist das“, nahm Scarlett an, um ihn gleich darauf aufzuziehen: „Aber Schwule sind naturgemäß schwanzaffiner als Heteromänner. Ihr nehmt die Dinger ja sogar in den Mund und steckt sie euch sonst wohin. Somit will man das Lieblingsteil auch nicht in einem Kochtopf sehen. Für mich hingegen … Vielleicht hätte es mich mehr mitgenommen, wenn es eine Pussy gewesen wäre.“
„Wie soll man die abschneiden können?“
„Sicher kann man Schamlippen abschneiden“, belehrte sie ihn. „Und auch die Klitoris …“
„Nicht!“, unterbrach Gale sie energisch. „Verschone mich mit den Details!“
(Sturm über Boston)

„Es heißt, es bringe Unglück, wenn man die Braut vorher in ihrem Kleid sieht“, belehrte Jesse ihn, in der Begutachtung einer eng geschnittenen Hose versunken. „Da keiner von uns eine Braut ist, trifft das nicht zu. Du hast selbst gesagt, dass heterosexuelle Traditionen nicht zu uns passen. Wir sind beides Bräutigame. Gäme?“
„Gämse“, sagte Gale und zog ein schwarzes Hemd hervor, das an den Seiten gerafft war und schwere, auffällige Silberknöpfe zur Schau trug.
„Nicht die Tiere.“ Jesse hielt in seinen Bemühungen inne und gesellte sich zu seinem Partner. „Ja, genau so was.“ Er nahm Gale das Hemd ab und hielt es ihm an.
„Ich mag es aber, wenn du mir Tiernamen gibst.“
„Oh, ja, mein Hengst, du wirst darin umwerfend und ausgesprochen potent aussehen.“
(Sturm über Boston)

„Darum geht es nicht. Es ist das Gefühl.“ Gale lehnte sich gegen die Arbeitsfläche neben dem Kühlschrank. „Wir sollten uns da mal umsehen.“
„Wieso sollte Armando dir das erlauben?“, fragte Jesse, den Kopf halb im Kühlschrank.
Gale grinste. „Wer hat gesagt, dass ich ihn fragen werde?“
Jesse riss den Kopf zurück und sah ihn entsetzt an. „Wir können da nicht einbrechen!“
Gespielt empört hielt Gale Chase die Ohren zu. „Wie kannst du so was sagen? Das ist doch kein Einbruch.“
Chase schüttelte Gales Hände ab. „Wo wollt ihr einbrechen?“
„Siehst du, da hast du es.“ Mit Unschuldsmiene begegnete Gale Jesses tödlichem Blick.
(Sturm über Barcelona)
Danke für das Gespräch.
Vielen Dank, dass ich zu Gast sein durfte und dass du dir so viel Mühe gibst. 😊

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