Donnerstag, 26. November 2020

[Autoreninterview] E. S. Schmidt

Autoreninterview
E. S. Schmidt


Natürlich möchte ich als erstes wissen, mit wem meine Leser und ich es zu tun haben. Könntest du dich in eigenen Worten kurz vorstellen?
Ich heiße Esther und lebe in Frankfurt am Main – in einem Haus, in dem schon mein Urgroßvater gewohnt hat. Ich bin also recht traditionsbewusst, und meine Figuren werden daher auch immer von ihrem Hintergrund und ihrer Vergangenheit geprägt. Meine Brötchen verdiene ich in der Steuerabteilung eines Konzerns. Auf meinen Büchern steht als Name übrigens bloß E. S. Schmidt. Für mich steht erst einmal die Story im Vordergrund, nicht die Autorin.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Lesen und Schreiben gelernt habe ich noch vor der Schule durch die Sesamstraße (Psst! Wollen Sie ein „A“ kaufen?). Zum Geschichtenerzählen kam ich über das Spielen – zum Beispiel „Cowboy und Indianer“ oder „Waisenkinder“. Als wir älter wurden, haben wir diese Geschichten nicht mehr gespielt, sondern uns gegenseitig erzählt. Als meine Freundinnen dann noch älter wurden, und sich ihre Interessen änderten, musste ich zu Stift und Papier greifen, denn die Geschichten waren eben trotzdem in mir und wollten einfach raus.
Welche Bücher sind bis jetzt von Dir erschienen? Könntest du sie uns in max. 5 Sätzen beschreiben?
„Die zweite Finsternis“, eine Dystopie, ist im Moment fast vergriffen und sucht eine neue Verlagsheimat. Die „Chroniken der Wälder“ sind als E-Book Trilogie bei dotbooks erschienen. Meine beiden Protagonisten kommen aus sehr unterschiedlichen, sogar verfeindeten Lagern und finden doch zueinander, um gemeinsam ihre Welt zum Besseren zu verändern. Es ist also – trotz aller dunklen Augenblicke – im Kern eine sehr hoffnungsvolle Geschichte.
Arbeitest du gerade an einem neuen Werk?
Klaro, sogar an zweien. 
- Eine Fantasy-Story über zwei ungleiche Brüder – der Kronprinz Siluren und der Bastardsohn des Königs, Coridan. Zwischen den beiden steht die junge Priesterin Lynn sowie Kurgan der Fahle, der das Land erobern will. Das Buch erscheint voraussichtlich nächstes Jahr bei Lindwurm. 
- Außerdem schreibe ich an einem Science Fiction. Auf einem von Menschen besiedelten Exoplaneten versuchen eine Journalistin und ein Soldat herauszufinden, wie ein Konzern in die Angriffe durch einheimische Rieseninsekten verwickelt ist. Für den Roman liegt der Vertrag von Plan9 gerade neben mir.
Wenn du Freizeit zur Verfügung hast, was machst du am liebsten?
Alles, was mit Geschichten zu tun hat: Schreiben, Lesen, Filme schauen, Träumen – oder mit anderen Autoren über deren Geschichten sprechen! Ich gehe immer noch auf Schreibseminare, weil ich einfach den Austausch mit anderen Autoren genieße. Außerdem gehe ich gerne im Wald spazieren – aber dabei denke ich auch meistens über irgendwelche Geschichten nach oder „unterhalte“ mich mit meinen Figuren.
Hast du auch Lieblingsbücher und einen Lieblingsautoren, mit denen du gerne einmal die eine oder andere Lesestunde verbringst?
Ich mag Terry Pratchett und auch Charles Dickens. Trotz ihres Humors oder sogar Sarkasmus (etwa bei Oliver Twist) schwingt in ihren Büchern immer eine tiefe Menschlichkeit mit. Und dann ist da noch Simon Sinek. Sein Buch „Gute Chefs essen zuletzt“ ist zwar ein Sachbuch, aber klug und unterhaltsam, und es hat tatsächlich meine Fantasy-Romane beeinflusst, denn mein Held Daric ist als Leutnant auch so etwas wie ein Chef. Wenn ich mal wieder einen Schub intelligenten Optimismus brauche, suche ich mir einen von Sineks Vorträgen auf Youtube.
Kannst du uns deinen Schreib- und Arbeitsplatz beschreiben oder zeigen, wo du am liebsten schreibst und deine Ideen verwirklichst?
Zu Hause habe ich einen Schreibtisch im Schlafzimmer – aber besonders gern schreibe ich im „Schreiburlaub“. Ich habe Stammhotels und -pensionen im Odenwald, Schwarzwald, bayrischen Wald und seit diesem Jahr auch an der Ostsee. Wichtig ist dann, dass mein Zimmer einen Balkon hat, auf dem ich schreiben kann. Zuhause kann ich das nicht, weil ich an einer Hauptstraße wohne, und das ist dann doch meistens ziemlich laut. Im Gasthof am Reussenkreuz stellen die mir dafür immer extra einen Tisch auf den Balkon!
Wie können wir uns einen ganz normalen Tag bei dir vorstellen?
Gegen 08:30 geht’s zur Arbeit, ab 19:00 Uhr versumpfe ich dann daheim oder treffe mich mit Freunden. Zum Schreiben komme ich eigentlich nur am Wochenende – und eben im Schreiburlaub. Im Urlaub ist das dann aber auch sehr geregelt: Frühstück, Schreiben, Spazierengehen, Abendessen, Feierabend.
Was ist dein Lieblingsgenre beim Lesen, welches beim Schreiben?
Ich mag die Phantastik (also Fantasy und SciFi), weil man hier Dinge so schön ins Extrem führen kann. In einem Buch kann ein sehr rational denkender Mensch vorkommen – ein Vulkanier ist aber doch nochmal eine Schippe mehr. 
Unabhängig vom Genre mag ich es, wenn eine Beziehungskiste mit dabei ist. Die muss nicht im Vordergrund stehen, es muss also nicht unbedingt ein Liebesroman sein, aber sie gibt dem ganzen doch „Herz“ und eine weitere Ebene.
Hast du ein Lieblingszitat, nach welchem du in deinem Leben handelst? Und hast du ein Zitat aus einem deiner Bücher, welches deine Arbeit am besten beschreibt?
„Der frühe Vogel kann mich mal.“ Das ist aber nicht aus einem meiner Bücher. Dem Fantasy-Genre wird ja oft Eskapismus, also Weltflucht vorgeworfen. Dazu (in Anlehnung an Tolkien): „Wer kann etwas gegen eine Flucht haben, außer den Wärtern?“ Kein Zitat, aber eine Lebens-Grundhaltung, mit der ich ganz gut fahre ist: „Nimm’s nicht persönlich. Wahrscheinlich geht‘s gar nicht um dich.“
Hast du ein Lieblingsland und warum?
Irland – denn da habe ich mal für ein Jahr studiert und sogar ein kleines bisschen Gälisch gelernt. Und natürlich ist Irland das Land der Geschichtenerzähler. Die Insel ist grün, hat eine lange, spannende Geschichte und liebenswerte, manchmal etwas exzentrische Menschen. Aber leider viel zu wenige Bäume!
Mein kommendes Fantasy-Buch ist ein wenig von der irischen Legende von Diarmuid und Gráinne inspiriert – aber bei mir ist es die Frau, die den „Liebesfleck“ auf der Stirn trägt, den im Original der Mann (Diarmuid) hat.
Bist du ein kritikfähiger Mensch oder wie gehst du mit Kritik im Allgemeinen um?
Wie jeder andere Mensch auch halte ich mich selbst für ausgesprochen kritikfähig. Aber im Ernst: Niemand kann gleich alles perfekt, und ohne Kritik kommt man nicht weiter. Es ist aber auch ein Lernprozess, Kritik nicht auf sich persönlich zu beziehen, sondern sie sachlich anzunehmen. Zwei Dinge habe ich dabei gelernt: 
1) Nicht mit dem Kritiker diskutieren. Man kann nachfragen, wenn man nicht verstanden hat, was er genau meint, oder ergründen will, woher sein Eindruck kommt, aber nicht versuchen, ihn umzustimmen. Wenn eine Textstelle nicht so ankommt, wie ich sie gemeint habe, liegt der Fehler nicht beim Leser. 
2) Jede Kritik ist berechtigt – aber nicht jeder muss ich als Autorin folgen. Wenn man mal die widersprüchlichsten Äußerungen zu ein und derselben Textstelle gehört hat, weiß man, dass man es nicht jedem Leser recht machen kann (und muss).
Warum hast du dich entschieden zu einem Verlag zu gehen und nicht Selfpublisher zu werden?
Weil ich Geschichten erzählen will – keine Cover gestalten, keinen Buchsatz machen und keinen Vertriebskanal finden. In meinem fortgeschrittenen Alter muss man sich sehr genau überlegen, wofür man die verbleibende Zeit verplempert.
Gibt es etwas, was du meinen Lesern noch mit auf den Weg geben möchtest?
Insbesondere für Deutsche und eher unbekannte Autoren
Beim Kritisieren/Rezensieren ist es ein Unterschied, ob ich das gegenüber dem Autor direkt tue (damit er etwas verbessern kann) oder auf eine Plattform stelle (Thalia, Amazon), wo es ums Verkaufen geht. Bei ersterem nützt es dem Autor, wenn man schärfer ist, bei letzterem schadet es ihm. Wenn ihr dem Autor was Gutes tun wollt: Auf der Plattform die Sterne lieber „nach oben runden“ und detaillierte Negativ-Kritik als PN auf seiner Seite schreiben – oder sich einfach für das nächste Werk als Testleser anbieten.

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