Samstag, 7. November 2020

[Schnipseltime] Herzenherz-Reihe von Monika Loerchner

 

1)      Hexenherz – Goldener Tod

Ich bekomme irgendwas zu greifen, irgendeinen winzigen Rest Pflanzenmagie. Ausgerechnet. Ich versuche, sie von innen um mein Bein zu knoten, aber es will nicht, wie es soll und kann nicht, wie es muss und irgendwie ist alles doof.

Aua!

Irgendeine zieht an mir. Leider an dem falschen Bein.

„Nimm das andere“, will ich sagen, „das spüre ich nicht mehr“, aber aus meinem Mund kommt nur irgendwie „Blubb“.
Also lasse ich mich ziehen. Interessant, wie mein linker Arm als letztes hinter uns herkommt. Ganz schön tief, der Schnitt durch die Schulter. Ich kann durchgucken. Ihhh.

Hoppla: und da liegt eine Leiche. Gebrochene Augen, die nach oben starren. Soll ich mich da jetzt nebenlegen? Hübsch aufgereiht?
„Ich weiß aber nicht, ob ich es schaffe, mit offenen Augen zu sterben!“, gebe ich zu bedenken.

„Bist du verrückt geworden?“, zischt eine neben mir. Endlich lässt sie mein Bein los. Dann kann ich ja jetzt … Obwohl: was ist mit Mojserce?

Ich versuche, mich aufzurichten, klappt nicht, drehe den Kopf, klappt, und ah, da ist er ja, alles gut soweit, dann ist es ja in Ordnung.

„Bleib unten!“

Oh. Jetzt haben sich irgendwelche Blätter zwischen Arm und Schulter verfangen. Da, wo jetzt nichts ist. Wie sieht denn das aus? Irgendwie total ekelig, ich glaub, ich muss kotzen.

„Bleib wach, hörst du?“
Etwas schlägt mir ins Gesicht. Schaut mich vorwurfsvoll an. So blaue Augen.

„Ich weiß echt nicht, ob ich das mit den Augen schaffe!“, erkläre ich Heidrun nochmal, nur für den Fall.

Und dann–

2)      Hexenherz – Glühender Hass

Ein Mann schreit. Dann nur noch Wimmern. Dazwischen laute,

aggressive Stimmen, die dem Ton nach Fragen stellen. Fragen

von denen ich weiß, dass der Mann sie ebenso wenig verstehen

kann wie ich.

Sie wechseln in seine Sprache, aber die Fragen bleiben unverständlich:

Der Mann war sein Leben lang Förster, hat sich zusätzlich

ein bisschen was mit seinem Geigenspiel dazuverdient. Er

war zu keiner Zeit Staatsangestellter und erst recht nie Spion.

Sie glauben ihm nicht.

Der Mann schreit wieder.

Fast gegen meinen Willen gehe ich in Richtung des Zeltes,

in dem sie ihn festhalten und befragen. Wieder ein Schrei, der

abbricht und in ein Wimmern übergeht.

Als ich die Zeltplane zurückschlage und das Innere betrete,

schaut der Mann zu mir auf. Er liegt auf dem Boden, doch als er

mich erkennt, findet er die Kraft aufzustehen und seine Hände

flehend nach mir auszustrecken.

»Hilf mir, Kolja!«, röchelt er und weint Tränen aus Blut.

 

3)      Hexenherz – Eisiger Zorn

Noch immer bleibt der Junge stumm. Das einzige Geräusch,

das er von sich gibt, ist ein leises Zähneklappern. Mittlerweile

ist es dunkel geworden und von Osten weht ein eisiger Wind.

Ich kann nichts dagegen tun.

Als ich es schließlich für sicher erachte anzuhalten, befinden

wir uns tief in einem dichten Wald. Es ist bereits so finster,

dass wir schon seit einer Stunde zu Fuß gehen und die treue

Stute am Zügel führen müssen. Jetzt reibe ich sie notdürftig

mit meinem Umhang ab, der Junge schaut wortlos zu.

Ich benutze den Sattel als Kopfkissen und mache es mir

auf dem Waldboden bequem, schließe für einen Moment die

Augen. Ich höre, wie der Junge ein wenig herumraschelt;

wahrscheinlich deckt er sich, da er keinen Umhang hat und

nur ein dünnes Hemd trägt, mit Laub zu.

Eine Erinnerung blitzt in mir auf: Richard und ich, wie wir

eine Nacht im Wald hinter unserem Haus zelten wollten. Wie

uns das blöde Zelt gerissen war. Wir haben dennoch nicht eine

Sekunde daran gedacht, wieder nach Hause zu gehen. Stattdessen

haben wir uns dicht aneinander gekuschelt und uns

gegenseitig damit aufgezogen, wer am stärksten zittert. Dann

waren wir eingeschlafen, warm und voller Glück.

Mit einem Seufzen schlage ich die Augen wieder auf und

schaue den Jungen an.

„Komm her“, raune ich und hebe meinen nach Pferdeschweiß

riechenden Mantel. „Du kannst bei mir schlafen.“

Der Junge gehorcht wortlos und kuschelt sich mit dem

Rücken an meine Brust. Ich decke ihn so gut es geht mit dem

Mantel zu. Zwar betrachte ich, seit ich über das Eis gebieten

kann, die Kälte als meine Freundin, aber die Wärme des Jungen

erfüllt mich dennoch mit einer merkwürdigen Behaglichkeit.

Ich liege noch lange wach und grübele, was ich jetzt machen

soll. Ich habe mich zweifellos des Hochverrates schuldig

gemacht. Und obschon mein Herz noch immer der Goldenen

Frau und dem Reich gehört, bezweifele ich, dass ich je wieder

in den Dienst meines Landes werde treten dürfen. Bestenfalls

werden sie mir meine Magie nehmen und mir ein genügsames

Leben als Großmutter lassen. Ich habe keine Ahnung, was ich

tun soll. Und dann ist da auch noch dieser Junge, der ohne mich

zweifellos hier in der Wildnis sterben wird. Er ist noch so klein …

Mein letzter wacher Gedanke gilt Richard, Rickie, meinem

kleinen Bruder aus glücklichen Kindertagen. Mit seinem

Lachen im Ohr schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen wache ich davon auf, dass mir jemand

einen Revolver an den Kopf hält.

 

4)      Die Tote in der Tränenburg

Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sein.
Gut, mag nun die eine oder andere denken, das würde vermutlich jede in dieser Situation sagen. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, kann etwas ziemlich Schlimmes sein. Jetzt und hier würde ich jede bemitleiden, die in meiner Situation wäre. Und mir gleichzeitig – nicht bösartig, aber zumindest mit gerunzelter Stirn – denken, dass diejenige ja schon irgendwie … naja, nicht selbst Schuld wäre,nein, aber  dennoch … sagen wir … unvorsichtig gewesen wäre.
Ich hätte es besser wissen müssen, weiß die Göttin, und jetzt stehe ich hier umgeben von lauter Menschen, die mir ans Leder wollen.
Das mit dem „ans Leder gehen“ meine ich übrigens ernst: Vor mir vibriert gerade ein Türknauf
unter der Magie der einen Hauptverdächtigen, während hinter mir die andere Hauptverdächtige langsam den Dreh herausbekommt, wie man eine schwere Eisentür mit Hilfe von Ranken aufbekommt. Ich muss zugeben, dass ich diese Art der Pflanzenmagie bislang unterschätzt hatte. Immerhin können normale Pflanzenwurzeln auch Mauerwerk zum Einsturz bringen, wenn sie genug Zeit haben, nicht wahr?
Und hinter den beiden Damen – da mache ich mir gar nichts vor – stehen noch weitere Personen Schlange. Beliebt gemacht habe ich mich bei keiner von ihnen, so viel steht fest, doch nur eine will mich mit Sicherheit töten.
Ich sollte endlich etwas tun – stillzuhalten ist ja auch sonst nicht meine Art. Ich befinde mich in einem kleinen Zimmer mit zwei Ausgängen, hinter beiden lauert jeweils eine Hauptverdächtige.
Und ich überprüfe das Fenster nochmals, aber ja, sie halten es mit einer magischen Sperre noch immer verschlossen. Die Türen werden nicht mehr lange halten, trotz der Möbelstücke, die ich davorgeschoben habe,  Ich muss diesen Raum verlassen, und zwar sofort. Dafür müsste ich allerdings wissen, wer hinter welcher Tür auf mich lauert. Ich weiß, welche Frauen gerade die Türen bearbeiten und ich meine auch zu wissen, wer sich  hinter der jeweiligen zusammengefunden hat. Wer auf wessen Seite steht. Haarfeine Unterschiede, die jetzt über mein Leben entscheiden werden. Hinter einer der Türen wartet Hilfe, hinter der anderen mein Tod. Öffne ich die letztere, wird es zu einem Handgemenge kommen und mein Tod werden sie wie einen tragischen Unfall, geschehen im Eifer des Gefechts, aussehen lassen.

Ich muss hier raus. Die alles entscheidende Frage lautet also: Hinter welcher Tür – Glut oder Ranken – wäre ich in Sicherheit?
Oder anders ausgedrückt: Wer hat Verena Konstanze ermordet?

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