Montag, 9. November 2020

[Schnipseltime] Frosty Love von Ira Potter

 


War mir beim Eislaufen noch warm gewesen, so spürte ich allmählich die Kälte. »Sitzen wir drinnen oder sind wir auf dem Balkon?«

»Deine Freundin hat einen freien Tisch am Fenster organisiert, also drinnen. Ein Bier?«

»Sie ist nicht meine Freundin. Ein Bier klingt gut.«

James trat einen halben Schritt zurück und musterte mich erstaunlich ernst. »Warum wehrst du dich gegen die Vorstellung? Angie ist süß, und sie ist bestimmt eine, die jeden Spaß mitmacht. Ich dachte, du redest von ihr, als du die heiße Maus vom Büro erwähnt hast.«

Ich hatte Mühe, meine Miene nicht in eine sauertöpfische Grimasse abgleiten zu lassen. »Ich habe keine heiße Maus erwähnt. Du hast nachgefragt, ob die Mädels bei uns heiß sind, und das sind sie.«

»Gleich mehrere?« James stieß mich an und lachte. »Also ist gar nicht Angie deine Angebetete? Gibt es da ein noch schärferes Gerät?«

»Ich bin kein Metzger, mit scharfen Geräten habe ich nichts zu schaffen«, brummte ich und lehnte mich an die Bar, den Blick zum Barkeeper gerichtet, der gerade Bier zapfte.

»Immer gleich so empfindlich, Brüderchen. Entspann dich doch mal. Was ist mit der anderen Frau? Warum bringst du die nicht mit? Will die nicht?«

Ich schwieg eisern.

»War Angie das mit der Brillenschlange?«

»Nein.«

»Dann krall dir Angie. Sie ist willig. Leg sie ein paar Mal flach, und wenn sie dir gefällt, dann behalte sie.«

Wütend starrte ich ihn an. »Hast du das mit Emma auch so gemacht?«

James hob beschwichtigend die Hände. »Spinnst du? Emma ist ’ne Göttin, die legt man nicht flach. Mit der hat man … ach, das weißt du ja.« Er kicherte dämlich.

»Du bist ein Arschloch, James.«

»Ich weiß!« Grinsend legte er mir den Arm um die Schultern. »Und ich bin dein Bruder!« Er zog seine Brieftasche hervor und zahlte die Getränke.

»Also, wenn ich du wäre, würde ich mich an Angie halten. Die Braut ist doch spitze. Lieber die Taube in der Hand als den Spatz auf dem Dach. Wenn ich Emma nicht hätte, würde ich sie anbaggern.«

Angewidert sah ich ihn an. »Redest du so auch in Gegenwart von Emma?«

Grinsend zuckte er die Schultern. »Emma kennt mich, und ich weiß, dass sie mich kastriert, wenn ich anderen Röcken nachjage.«

Sein blödes Gequatsche ging mir mächtig auf die Nerven. Ich nahm einen Teil der Getränke und trug sie in Richtung Fensterfront. James folgte mir wie ein Schatten und stieß mich von hinten an.

»Hey Mann, du kennst mich doch. Von Sternzeichen Großmaul. Aber ehrlich, Angie ist niedlich. Warum lässt du dich nicht auf was Neues ein?«

Ich blieb stehen. »Das tue ich, wenn ich bereit bin.«

Mein Bruder musterte mich, und wieder nahm ich erstaunt zur Kenntnis, dass so etwas wie Sorge in seinem Blick lag. »Ist es wegen Emma?«

Beinahe hätte ich losgelacht. Hatte er etwa post actum schlechtes Gewissen? »Nein.«

»Ehrlich, Harry …« Harry? Mein Bruder nannte mich fast nie Harry, es sei denn, er brüllte es quer durch einen Kinosaal. »… Emma macht sich schon länger Sorgen. Sie hat das Gefühl, dass du ihr aus dem Weg gehst. Bist du sauer, weil wir uns verloben wollen?«

»Nein.«

»Das mit Emma und mir ist was Ernstes, wirklich. Der Aufreißer James, der ist Geschichte. In Emma habe ich mein Gegenstück gefunden, aber wenn du …«

»Ich habe kein Problem mit euch, okay? Verlobt euch, heiratet, werdet glücklich, schenkt mir zehn Neffen und Nichten.«

»Du könntest es mir sagen, wenn …«

Ich trat an ihn heran und senkte meinen Kopf, sodass meine Stirn beinahe seine berührte. »Hör zu, James! Emmas Gefühl trügt. Vielleicht ist es ihr eigenes schlechtes Gewissen, dann sag ihr bitte, dass sie sich das sparen kann. Sie braucht keins zu haben, weil die Sache für mich erledigt ist. Emma liebt James, James liebt Emma, alle glücklich, Harry glücklich, okay?« Meine Stimme klang nicht glücklich, wie ich mir eingestehen musste, aber ich meinte es ehrlich so, wie ich es sagte. »Für eine neue Beziehung habe ich einfach noch nicht das richtige Gefühl, okay? Du kennst mich, ich bin schüchtern, manchmal zögerlich. Vielleicht bin ich verklemmt …«

James trat zurück und schüttelte den Kopf, er grinste dabei. »Nein, das bist du nicht, Harry!«

Oh mein Gott, was hatte Emma ihm alles von mir erzählt?


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