Montag, 12. Oktober 2020

[Buchvorstellung einmal anders] Verschnitt von Jennifer Hauff

 


Buchvorstellung einmal anders


Heute ist ein komischer Tag ­čśŐ Nach dem Autoreninterview dr├╝ckt mir Jennifer ihren Kindle in die Hand und verl├Ąsst einfach das Zimmer. Da mir das schon ├Âfter passiert ist in letzter Zeit, erahne ich, was da kommen wird.

Ich drehe den Kindle hin und her und ├Âffne schlie├člich das Buch der Autorin „Verschnitt“, um schon ein bisschen hineinzulesen. Nach einigen Minuten h├Âre ich ein feines Stimmchen: »Jetzt ist sie weg, dann interview einfach mich, deshalb bin ich ja da!«

Ich lache laut auf, denn ich liebe es mit B├╝chern zu reden und wer wei├č neben dem Autor am meisten ├╝ber das Buch? Vermutlich das Buch selbst. Also, dann lege ich mal los. ­čśŐ

Hallo, danke, dass du heute Zeit gefunden hast, um mit mir zu reden.
Gerne! Endlich spricht mich mal jemand direkt an.
Kannst du dich meinen Lesern vorstellen? Vielleicht in eigenen Worten, da die Leser den Klappentext auf der Verkaufsplattform lesen k├Ânnen?
Auf jeden Fall bin ich recht mysteri├Âs. Ehrlich gesagt, habe ich selbst lange gebraucht, um hinter die Eigenheiten und den fragw├╝rdigen psychischen Zustand meiner Protagonistin Liane zu kommen. Trotzdem bin ich nat├╝rlich auf ihrer Seite. Schlie├člich m├Âchte sie dem skrupellosen verr├╝ckten Professor das Handwerk legen.
In deinem Inneren spielt sich ja so einiges ab, die in dir enthaltenen Charaktere erleben so einiges. Da du ja auch viel mit der Autorin zusammenarbeiten musst, kannst du uns vielleicht beantworten, ob es ihr leichter f├Ąllt sie durch einfache, sch├Âne oder schwierige, d├╝stere Zeiten und Situationen zu f├╝hren?
Die Autorin hat mich ja schon 2015 angefangen. In dem Jahr begann ihre Recherche. Sie hat viel ├╝ber Intersexualit├Ąt gelernt, hatte mit Betroffenen zu tun und bekam viel Unterst├╝tzung. Mit zunehmender Zeit fiel es ihr immer schwerer, die schwierigen und d├╝steren Szenen zu schreiben. Es wurde aber auch immer wichtiger. Das wei├č ich, weil sie so viel ├╝berarbeitet hat und ich von einigen Testlesern gelesen wurde.
Hast du eine Lieblingsstelle, die du uns gerne vorstellen w├╝rdest?
„Jasmin, sag dem Mann bitte, wer die Made to Move Barbie unbedingt haben wollte.“ 
„Ich habe die mir gew├╝nscht“, murmelte das M├Ądchen zu ihren Schuhen. 
„Und was hast du zum letzten Geburtstag bekommen?“ Keine Antwort. „Na, worauf war Nikola so neidisch?“ 
„Ach so, ja, jetzt wei├č ich‘s. Auf meinen elektrischen Bagger.“ 
Lutz d├Ąmmerte langsam, worauf das Ganze hinauslief. Er schaute das M├Ądchen mit gro├čen Augen an. „Du spielst also gern mit Jungsspielzeug?“ 
„Wieso denn Jungs? Jeder darf mit Autos spielen. Auch Prinzessinnen.“ 
„Du bist also eine Prinzessin?“ 
Die Mutter lachte leise. 
„Naja, nicht in echt. Aber irgendwie schon, ja.“ 
Pl├Âtzlich war es ihm gar nicht mehr unangenehm, mit dem M├Ądchen zu sprechen. 
„Ziehst du denn auch gerne diese rosafarbenen Sachen an?“ 
„Klar! Guck mal, ich seh mit meinen Z├Âpfen sogar aus wie Elsa.“ 
Das M├Ądchen zeigte auf ihre Jacke. Als Lutz fragend die Augenbrauen hob, setzte sie hinzu: „Kennst du etwa Die Eisk├Ânigin nicht?“
Wei├čt du wie viel Jennifer tats├Ąchlich in dir oder auch in dem ein oder anderen Charakter steckt?
Ich glaube, eher wenig. Nat├╝rlich geben die Autoren uns B├╝chern immer etwas mit. Ich habe aber das Gef├╝hl, dass Jennifer f├╝r meine Geschichte versucht hat, sich in andere Situationen und Personen hineinzudenken, sodass nur wenig Platz f├╝r sie selbst war.
Wie w├╝rdest du oder ihre Charaktere / Protagonisten / Antagonisten / Nebendarsteller die Autorin beschreiben? 
Ich als Buch finde sicher nicht jede Seite von Jennifer Hauff super. Wer findet schon seinen „Macher“ perfekt? Es hat mich schon ein bisschen aufgeregt, wenn sie ein und denselben Satz zehn Mal umschreiben musste, um ihn am Ende doch noch ganz zu l├Âschen. 
Liane findet sie ein bisschen zu ehrlich, schlie├člich hat sie alle Aspekte ihrer Pers├Ânlichkeit ziemlich gnadenlos in die ├ľffentlichkeit getragen. 
Mein Antagonist Professor Gelders hat nat├╝rlich eine eindeutige Meinung zu ihr. Er findet, es sei ein Verbrechen, „seine Arbeit f├╝r die Wissenschaft“ derma├čen in den Dreck zu ziehen. (Wobei wir bei seinen Menschenexperimenten wohl nicht diskutieren m├╝ssen.) 
Alice ist nat├╝rlich ein Fan von mir. Sie findet es ziemlich cool, dass endlich mal jemand ein Buch ├╝ber diese unn├Âtigen Operationen schreibt, mit denen Leben zerst├Ârt und die Pers├Ânlichkeitsrechte unschuldiger Kinder verletzt werden.
Wie seid ihr eigentlich zum Titel gekommen? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses ver├Ąndert? Hattest du viel Mitspracherecht?
Anf├Ąnglich hie├č ich mal kurz „Gott in wei├č“. Den finalen Titel hat mir Jennifer verraten, als ich ungef├Ąhr halb geschrieben war. Sie hat ihn mir gegeben, wie man einem Kind einen Namen gibt. Also habe ich mir nie Gedanken gemacht, ob er wirklich zu mir passt. Erst als einige Leute behaupteten, dass ich gar nicht anders hei├čen d├╝rfe, weil das mein perfekter Name sei, wusste ich, wie zufrieden ich damit sein kann.
Bist du zu 100% zufrieden mit deinem Cover / Outfit oder w├╝rdest du nachtr├Ąglich gerne etwas ├Ąndern wollen?
Zu 100% zufrieden! Ich k├Ânnte mir kein besseres Outfit vorstellen. Allerdings ist es schon ein bisschen tragisch, dass Puppen oft mit Horror assoziiert werden. Ich bin nat├╝rlich kein Horrorbuch.
Kannst du uns vielleicht auch schon verraten, ob die Autorin viele echte Pl├Ątze eingebaut hat oder ob die Orte im Buch der Fantasie entspringen?
Das Buch spielt in Frankfurt am Main und die Schaupl├Ątze gibt es wirklich. Nat├╝rlich sind konkrete Wohnungen und auch die Klinik erfunden. Aber die Orte, an denen sie sind, die gibt es.
Eine weitere Frage, die mich brennend interessiert, ist: Warum hat sich deine Autorin dieses Grundthema ausgesucht? War sie selbst schon einmal in der Situation, dass sie so etwas erlebt hat oder hat es euch einfach nur brennend interessiert, wie es zu so einem „Verhalten“ kommen kann?
Jennifer hat ein Buch ├╝ber die Lebensgeschichte David Reimers gelesen („Der Junge der als M├Ądchen aufwuchs“ von John Colapinto). 
Darin hat sie viel ├╝ber Dr. John Money und seine haarstr├Ąubenden Theorien erfahren, die auch die Grundlage f├╝r die Operationen an intersexuellen Kindern bis in die heutige Zeit sind. Die Grundidee f├╝r meine Geschichte war schon da, bevor die eigentliche Recherche begann.
Zum Abschluss w├╝rde mich noch dein Lieblingszitat aus dem Buch interessieren.
„Es ist nicht Liebe, die aus Wahrheit ein Geheimnis macht. Es ist Angst!“ 
Und wenn ich ein Zitat nennen darf, das nicht von Jennifer Hauff stammt, dann ist es nat├╝rlich das von Dr. Milton Diamond: „Nature loves variety, unfortunately society hates it.“
Nun betritt die Autorin wieder das Zimmer und blickt mich ungl├Ąubig an. Scheinbar ist es selbst in Autorenkreisen nicht ├╝blich, dass das Buch antwortet. Leise fl├╝stere ich dem Buch noch zu: »Danke f├╝r das Gespr├Ąch, es hat mir gro├čen Spa├č gemacht.«

Dann wende ich mich der Autorin zu. »Alle meine Fragen sind beantwortet, ich danke dir f├╝r den sehr interessanten Tag bei dir.« 

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