Sonntag, 26. März 2017

[Protagonisteninterview] Umdrehungen von Sonja Bethke-Jehle

[Wir treffen uns in dem wunderschönen renovierten Haus von Ben und Zita. In der Eingangstür begrüßen mich Ben und Zita. Sie führen mich ins Wohnzimmer, wo ich auch Roland und Helena treffe.]

Hallo und herzlich willkommen zum Interview. Es freut mich wirklich außerordentlich, dass ich Euch heute hier bei mir begrüßen darf.
Wie geht  es Euch heute?

Ben: Wir sind etwas aufgeregt. Ein Protagonisteninterview haben wir nämlich noch nie erlebt.
Zita: Mir geht es ähnlich.
Roland: Aber es hilft ja schon mal, dass wir in gewohntem Terrain sind.

Ich denke, das wird sich mit der Zeit legen. Vielleicht stellt ihr euch erst einmal vor?

Ben: Dann fange ich einfach mal an. Ich bin zu Beginn der Romane 28 Jahre alt und arbeite als Polizist. Seit ich bei einem Einsatz angeschossen wurde, sitze ich im Rollstuhl. Was mir zunächst sehr schwer fiel. Doch das ist nicht das erste Mal, dass das Schicksal bei mir zugeschlagen hat. Meine Eltern starben bei einem Autounfall als ich acht Jahre alt war. Genau das hat dazu geführt, dass ich sehr früh erwachsen werden musste und ein sehr selbstbestimmtes Leben geführt habe. Das erschwert die Tatsache zusätzlich, dass ich wegen meiner Querschnittlähmung manchmal Hilfe in Anspruch nehmen muss. Doch ich bin auch ein optimistischer Mensch, der gelernt hat, Herausforderungen anzunehmen und zu überwinden. Mein Vater kommt aus Ghana, von ihm habe ich meine dunkle Hautfarbe und die schwarzen Haare geerbt. Zu dem Zeitpunkt als es zu der Schießerei und der dadurch verursachten Behinderung kam, war ich mit Zita noch nicht lange zusammen, weswegen ich lange gezweifelt habe, ob sie überhaupt mit mir zusammenbleiben möchte.
Zita: Und deine Befürchtung war ja zu Beginn auch gar nicht so abwegig. Ich war zu der Zeit ungleich unreifer und habe im Gegensatz zu ihm nicht wirklich gelernt, mit Problemen umzugehen.
Die Stimmung ist immer noch sehr angespannt. Die vier jungen Leute sitzen verkrampft mit verschränkten Händen vor mir. Ben in seinem Rollstuhl, Roland ihm gegenüber auf dem Sessel und die beiden Frauen auf dem Sofa. Ich sitze in dem anderen Sessel, der schräg neben dem von Roland steht.
Ben: Es ist ja auch eine verdammt schwere Situation, wenn der Partner plötzlich so hilflos ist und mit sich beschäftigt ist, gerade wenn man es zuvor gewöhnt war, dass er sich um einen kümmert.
Helena: Wir haben versucht den beiden zu helfen, doch auch wir waren anfangs sehr überfordert. Und Roland steckte ziemlich tief mit drinnen, weil er bei dem Einsatz, der so fürchterlich schief gelaufen ist, auch anwesend gewesen ist.
Roland: Ich habe die Erste-Hilfe Maßnahmen durchgeführt. Anfangs habe ich versucht mich zurückzunehmen und für Benny da zu sein, jedoch habe ich schnell gemerkt, dass ich meine eigenen kleinen Schwierigkeiten zu überwinden habe. Der Einsatz hat mich traumatisiert zurückgelassen und ich habe schwer damit zu kämpfen, dass wir alle einen Fehler gemacht haben, jedoch Benny derjenige ist, der die Folgen zu tragen hat. Das ist nach wie vor manchmal schwer zu akzeptieren.
Helena: Willst du dich nicht erst mal vorstellen?
Endlich scheint sich die Aufregung zu lösen. Roland sieht seine Frau verblüfft an, Zita schmunzelt und Ben lacht laut.
Roland: Ach so, natürlich. Ich bin im gleichen Alter wie Ben und genauso wie er Polizist. Wir sind sehr gute Freunde, seit wir die Ausbildung zusammen begonnen haben. Anfangs waren wir zwei Kerle alleine. Wir haben in einer WG gelebt. Erst später als Helena meine Partnerin geworden ist, haben wir uns getrennte Wohnungen gesucht. Meine Familie hat Benny praktisch adoptiert. Er hat sich mit allen auf Anhieb gut verstanden, also meine Eltern und meine Geschwister und weil er keine Familie hatte, hat meine Mutter entschieden, dass er dazu gehört. Und du?
Helena: Ich bin seine Partnerin und mit den beiden ebenfalls gut befreundet. Mit Zita hatte ich allerdings einen schwierigen Start.
Zita: Das stimmt. Wir haben uns nicht auf Anhieb gut verstanden.
Helena: Stell du dich mal vor. Du bist hier eine der Hauptpersonen.
Zita: Ich komme aus einem reichen Elternhaus und bin die Partnerin von Ben. Auf den ersten Blick wirke ich für meine Mitmenschen arrogant. Meine Verunsicherung versuche ich zu kaschieren, daher dieser Eindruck. Im Gegensatz zu Ben habe ich nie gelernt, Herausforderungen anzunehmen und zu überwinden, aber da ich Ben sehr liebe, bin ich sehr bestrebt darin, ihn zu unterstützen, nachdem er die Diagnose erhielt. Ich bin Studentin, ende 20, und weiß nicht so recht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Da meine Eltern mich finanzieren, habe ich kaum Motivation, mein Leben in den Griff zu bekommen. Von meinen Eltern habe ich Selbstständigkeit nie gelernt, weswegen ich ziemlich überfordert reagiert habe, als Ben auf einmal ihre Hilfe benötigte. Ähnlich wie meine Charakterzüge, ist auch mein Äußeres ganz anders als das von Ben. Ich bin blond und habe eine blasse Hautfarbe.
Ben: Aber mit der Zeit haben wir auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt.
Zita: Das stimmt in der Tat, aber es hat gedauert, bis wir mit Erstaunen festgestellt haben, wie ähnlich wir uns in Wahrheit trotz der offensichtlichen Unterschiede sind.
Zita lächelt und sieht ihren Ben verliebt an.

Was ist eigentlich damals an jenem schicksalshaften Tag passiert?

Ben: Ich bin angeschossen worden.
Roland: Da wir früher immer Motorrad gefahren sind, was ja eine sehr häufige Ursache für eine Querschnittlähmung ist, haben viele Leute geglaubt, er hätte ein Unfall gehabt.
Ben: Aber nein, das war es nicht. Ich bin angeschossen worden. Eine der drei Kugeln traf genau ins Rückenmark auf Höhe der Brustwirbel ein.
Die Stimmung ist nach wie vor relativ gut, was mich verwundert. Ich traue mich, näher nachzuhaken.

Wie waren die ersten Stunden danach für euch?

Roland: Einfach nur schrecklich.
Zita nickt. Plötzlich wechselt die Stimmung. Man merkt allen vieren, dass sie nicht gerne daran denken.
Zita: Sehr sehr schrecklich. Ganz schlimm.
Helena: Ich war beruflich unterwegs und nicht zuhause. Ich habe alles nur aus der Entfernung mitbekommen und habe mir große Sorgen gemacht. Nicht nur um Ben, sondern auch um Roland, der am Telefon sehr hektisch geklungen hat. 
Ben: Ich habe nicht viel mitbekommen, weil ich sehr schnell operiert wurde und unter Narkose stand. Davor kann ich mich aber an panische Angst erinnern. Ich wusste, dass etwas ganz schrecklich schief gelaufen ist und dass es schlimme Konsequenzen haben könnte. Ich konnte ab unterhalb der Brust, also praktisch von den Achseln abwärts nichts spüren.

Wie ist es mit dieser Art von Einschränkung zu lernen umzugehen. Die psychischen Ängste mal abgesehen?

Meine Interviewpartner entspannen sich wieder ein klein wenig. Zita beißt auf ihrer Lippe herum, die Stirn von Ben ist gerunzelt.
Ben: Ich glaube, als Außenstehender kann man sich gar nicht vorstellen, wie schwer es ist einen Körper zu steuern, von dem man die meiste Fläche weder kontrollieren noch fühlen kann. Als ich das erste Mal saß, anstatt zu liegen, hatte ich Angst, dass ich fallen würde. Es hat sich wie Schweben angefühlt, denn ich kann den Druck meines Pos gegen die Sitzfläche ja auch nicht spüren. Ich kann auch die Bauchmuskeln nicht nutzen, weswegen ich am Anfang immer seitlich weggekippt bin oder nach vorne über. Es ist wirklich grauenhaft und ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich mit dieser Einschränkung jemals wieder glücklich werden kann. Doch das kuriose ist: Man lernt tatsächlich damit umzugehen. Und jetzt ist das Sitzen für mich kein Problem mehr. Man kompensiert sehr viel und eignet sich Tricks an. Ich denke gar nicht mehr so viel darüber nach, dass ich die Sitzfläche zum Beispiel nicht spüren kann.

Wie seid ihr mit der Endgültigkeit der Diagnose umgegangen? Oder hat man doch noch Hoffnung, irgendwann eine andere Möglichkeit zu finden?

Ben und Zita sehen sich an, so als wüssten sie nicht, wer zuerst reden soll. Es ist schließlich Zita, die das Wort ergreift.
Zita: Ich glaube, die Hoffnung gibt man niemals auf, aber man weiß, wie unwahrscheinlich es ist eine Heilung zu finden. Eher groß sind die Hoffnungen auf technische Hilfsmittel, die das Leben und den Alltag noch weiter erleichtern können. Und die sind auch in der Tat viel realistischer.
Ben: Ich sehe es so, wie Zita erwähnt hat. Aber darüber steht auch ganz viel im Buch, das möchte ich nicht vorweg nehmen.
Zita: Es ist viel möglich und ich glaube in der Zukunft ist noch viel mehr möglich.

Wie findet ihr es, dass Sonja Bethke-Jehle ein Buch über eure Geschichte geschrieben hat?

Wieder sehen sich alle an. Diesmal ist es Roland, der sich räuspert und zuerst den Mund aufmacht.
Roland: Sehr gut. Es gibt immer noch sehr viele Vorurteile und Missverständnisse, die Sonja versucht aus dem Weg zu räumen. Das finde ich gut. Ich habe mich mit dem Thema ja vorher auch nie beschäftigt, aber inzwischen weiß ich besser Bescheid. Ich würde mir wünschen, dass wir noch unbeschwerter miteinander umgehen können. Und dass Menschen, die einen Rollstuhl benutzen, besser integriert werden anstatt, dass man es ihnen noch schwerer machen, in dem man Stufen vor Geschäfte baut.
Ben: Ich würde mir zumindest wünschen, dass Menschen mich nicht auf den Rollstuhl reduzieren, sondern auch akzeptieren, dass ich ein Mensch mit vielen Facetten bin. Der Rollstuhl gehört dazu, aber er macht nur einen kleinen Teil meiner Persönlichkeit aus. Ich bin ein sehr sportlicher Mensch, lache gerne mit meinen Freunden, gehe einer Arbeit nach. Und das versucht Sonja aufzuzeigen, wofür ich sehr dankbar bin.
Zita: Wir sind ganz normale Menschen. Das vergessen viele.
Helena: Und genauso ist es eine normale Geschichte. Eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und das Bestehen von Herausforderungen und das Finden der eigenen Persönlichkeit. Es ist keine Geschichte über einen behinderten Menschen. Es ist eine Geschichte über einen Menschen, der manchmal durch seine Behinderung eingeschränkt wird, manchmal aber auch Dinge ganz unabhängig davon erlebt.
Zita: Das hast du schön formuliert.

Welches Genre ist „Umdrehungen“? Was meint ihr?

Zita hebt die Schultern, während Helena die Stirn runzelt. Die Männer sehen sich an.
Roland: Sehr schwer einzusortieren.
Ben: Ein Genremix, vielleicht?
Beide grinsen.
Helena: Es ist ein Liebesroman – aber eben nicht nur.
Zita: Entwicklungsroman, vielleicht?
Helena: Das passt ganz gut. Wenn ich sage, es ist ein Drama, dann ist das nämlich auch nicht ganz passend. Es ist etwas, das vieles umfasst. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Überwinden von Herausforderungen.
Zita: Ein hoffnungsvolles Drama.
Helena: Das gefällt mir.

Nun komme ich auch schon zu meinen vorletzten Fragen: Wie würdet ihr euch in drei Wörtern beschreiben?
Zita: Orientierungslos, unsicher und sehr um ein gepflegtes Äußeres bemüht.
Helena:
Wissbegierig, liebevoll und durchsetzungsstark.
Roland:
Witzig, manchmal faul und sehr loyal meiner Familie und Freunden gegenüber.
Ben:
Cool, machohaft und leider manchmal zu temperamentvoll.

Und jetzt die letzte Frage: Und was sind eure Wünsche für die Zukunft?
Roland: Ich würde mir wünsche, dass viele Leser auf „Umdrehungen“ aufmerksam werden und das Buch lesen.
Ben:
Dass Menschen ihre Angst und ihre Schüchternheit und Verunsicherung gegenüber behinderter und körperlich, psychisch oder geistig eingeschränkten Menschen verlieren.
Helena:
Dass Menschen generell die Verunsicherung gegenüber Menschen verlieren, die anders sind. Aus welchen Gründen auch immer. Letztendlich sind wir doch alle anders. Jeder auf seine Weise. Oder?
Zita:
Ich hoffe, dass die Autorin noch weitere Bücher schreibt, die ähnliche Themen behandeln.

Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview!

Wenn Sie, liebe Leser neugierig auf das Buch geworden sind, dann schauen sie sich auch die Buchvorstellung zu Umdrehungen an. 

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