Donnerstag, 8. April 2021

[Schnipseltime] Liebe kennt kein Handicap von Elisa Schwarz

 


Ganz nah beugt sich Devin vor. „Ich wusste gar nicht, dass du ein Romantiker bist. Das beißt sich ein wenig mit deinem Zynismus, den du heute wieder ganz wunderbar demonstrierst und der dir übrigens kein bisschen steht.“

„Jetzt weißt du es. Ich habe Severin in den letzten Jahren zu jeder einzelnen Hochzeit überreden müssen, für die er eine Einladung erhalten hatte. Meinen schwarzen Humor müsst ihr leider aushalten. Ich brauche ihn, um über meine Situation hinwegsehen zu können, und ich bin ehrlich froh, dass er wieder hinter der Ecke hervorgekrochen ist. Die Heulerei ist ja nicht auszuhalten.“

„Was du brauchst, ist ein anständiger Fick.“ Diesmal berühren seine Lippen leicht die meinen und mir wird unsagbar heiß unter der Decke.

„Yummi, gerne mehr davon“, wispere ich und überbrücke die letzten Millimeter, bis sich unsere Münder treffen. Entgegen meiner Erwartung weicht Devin nicht zurück. Stattdessen umfasst er meinen Hinterkopf, erwidert den zaghaften Kuss und vertieft ihn. Fuck, das habe ich vermisst. Schwer rollt mein Blut durch meine Adern, pumpt geradewegs südwärts. Meine Atmung beschleunigt sich, während ich aufmerksam in mich horche, nach Reaktionen meines Körpers suche, die nicht normal wären. Seine Zunge drängt sich zwischen meine Lippen, bereitwillig gewähre ich ihm Zugang, stöhne gedämpft auf und würde alles dafür geben, mich mit ihm in ein gottverdammtes, abschließbares Zimmer beamen zu können.

Der Zauber nimmt mich gefangen, bis er atemlos den Kopf wegzieht, seine Stirn an die meine legt und ein freches Grinsen seine Mundwinkel hebt. „Du schuldest mir noch drei.“

„Ich weiß“, flüstere ich zurück. „Normalerweise bleibe ich nie jemandem etwas schuldig. Aber ich kann das leider nicht mehr.“

„Nate …“ Verzweifelt verstärkt er den Griff in meinem Nackenhaar. „Ich bin im Bilde. Alles, was deine Eltern und auch Severin mir erzählt haben, habe ich mir gemerkt. Darüber hinaus habe ich mich im Netz durchgelesen und halte mich für fähig, dir Sicherheit gewähren und im Notfall erste Hilfe leisten zu können. Du solltest deinem Handicap nicht so viel Bedeutung beimessen. Es sollte dich vor allem nicht daran hindern, Spaß zu haben und das Leben zu genießen.“

Der Zauber verfliegt. Ich ziehe mich von ihm zurück, kann ihn auch nicht mehr ansehen. „Was du nicht sagst. Ich hatte Spaß, lange und ausführlich. Länger, als es je jemand für möglich gehalten hätte. Wesentlich länger als manch anderer Glioblastom-Patient. Ich hatte Tage, da habe ich dermaßen die Sau rausgelassen, als würde ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen. Halt mir also bitte nicht vor, ich genieße mein Leben nicht oder ich wäre zu träge oder was auch immer. Ich habe dem verfickten Mitbewohner in meiner Schaltzentrale jeden Tag den Mittelfinger gezeigt. Und das kostet verdammt viel Kraft. Die habe ich gerade nicht mehr. Ich fühle mich leer gesaugt. Und dann noch bei dir wohnen? Nein. Ich bin nicht erpicht darauf, dir in die Bude zu pinkeln oder Schlimmeres, weil ich keine Kontrolle über meinen Körper habe, und ich bin auch nicht scharf darauf, von dir ein Zäpfchen in den Hintern gesteckt zu bekommen, während ich sabbernd und krampfend am Boden liege. Das ist dummerweise sehr kontrovers zu meinem romantischen Gequatsche, auch wenn ich jetzt wieder zynisch klingen mag. Ich bin, wenn es richtig, richtig beschissen für mich läuft, über kurz oder lang ein Pflegefall. Dann pinkle ich künftig in eine Windel oder eine Plastiktüte; Katheder sei Dank. Wenn es nach mir ginge und ich das finanziell stemmen könnte, würde ich mich um einen Platz in einem Pflegeheim bemühen. Mit ganz viel Glück haut mich das Glioblastom direkt von der Welt. So ist es eher üblich.“ Ich verziehe das Gesicht, drehe den Kopf dabei in Richtung nachbarschaftlichem Gehöft und mein Unmut steigt weiter an. „Es ist besser, wenn du jetzt gehst. Die schwulen Fantasien jenseits der Heterolinie in deinem Kopf kann ich dir nicht mehr befriedigen. Wenn ich dazu überhaupt in der Lage gewesen bin. Viel hattest du ja nicht von mir. Du solltest mich auch nicht mehr besuchen kommen, ich werde auf keinen Fall meine Freunde dabei zusehen lassen, wie ich vor mich hinvegetiere. Mir ist es schon zuwider, zu wissen, dass ich meinen Eltern bald noch mehr Ballast sein könnte, als es jetzt bereits der Fall ist.“

Statt zu gehen, steht Devin auf, läuft um meinen Stuhl herum und geht vor mir in die Hocke. Sauer sieht er aus, verdammt sauer. „Ich hatte recht“, presst er zwischen den Lippen hervor. „Du liebst dich selbst kein Stück und hast null Selbstwertgefühl. Das war vielleicht mal anders, aber gerade ist dies Fakt. Das Einzige, was dich regiert, ist deine Krankheit. Sie steht an erster Stelle und ist offenbar ein unüberwindbares Hindernis geworden. Kein großer Unterschied zu einem Drogenabhängigen. Ich hätte nicht gedacht, dass ein paar Rückfälle ausschlaggebend dafür verantwortlich sein können, dass sich der gesamte Charakter eines Menschen von heute auf morgen ändert. Du hast dein Leben geliebt, Nathan. Du warst bei allem, was du gemacht hast, mit Herz und Seele dabei und wusstest genau, was du willst. Jetzt schlägst du nur noch um dich, siehst nicht mal, dass du seit Tagen keinen Rückfall mehr hattest und durchaus in der Lage wärst, zum Beispiel mal deinen besten Freund besuchen zu gehen, den du noch hässlicher verscheucht hast, als du es gerade bei mir versuchst.“

Ich falle vom Glauben ab, schnappe nach Luft. „Woher weißt du –?“

„Wir telefonieren“, schneidet er mir das Wort ab. „Nein, wir haben uns nicht angenähert, aber wir haben einen gemeinsamen Freund, das verbindet. Also ja, wir tauschen uns aus. Severin hat mir erzählt, dass du ihn gestern rausgeworfen hast. Und mit mir versuchst du jetzt dasselbe. Ich lasse mich nicht verjagen, ist das klar?“

Automatisch nicke ich. Unerklärlicherweise.

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