Dienstag, 6. April 2021

[Schnipseltime] Espoir heißt Hoffnung von Elisa Schwarz

 




Fordernd greife ich an seinen Hintern und küsse ihn forsch. Taste mich weiter vor, umspiele seine Zungenspitze, bis er seine Hab-Acht-Stellung aufgibt, sich an mich lehnt und mit seinen Fingerspitzen in meinen Nacken fährt. Von dort eine Reise über meine Kopfhaut beginnt. Mehrere Schauer löst er damit bei mir aus, heißkalt kriechen sie über meine Wirbelsäule. Sanft und fordernd zugleich erwidert er den Kuss. Ich schwebe. Und wünschte, wir wären bereits im Appartement. Verlangen zieht bis in meine Nervenenden und ich lege meine Hände an sein Gesicht. „Enno“, nuschle ich an seinem Mund, „lass uns den Spaziergang auf morgen verschieben. Ich sehne mich danach, mit dir ungestört zu sein.“

Als Antwort bekomme ich einen Laut, der nach frühzeitigem Orgasmus klingt, und diesmal kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. „Wenn du weiter so laut bist, sind wir garantiert nicht mehr lange allein.“

Sein folgender Hieb in die Seite sitzt, gespielt ernst krümme ich mich und Enno tritt von mir zurück. Sein tiefes Einatmen bezeugt, dass er genauso aufgeheizt ist wie ich. Er sieht erst zum Wagen, anschließend zu mir. „Ist das wirklich der normalste PKW, den du vorweisen kannst? Ich meine, das ist ein verdammter Pagode, den du mir hier präsentierst.“

„Du meinst einen Low-Budget-Wagen, ja? Zählt ein Audi dazu? Ein A3? Geht der durch?“ Enno wackelt mit dem Kopf und verzieht seinen Mund. Sieht amüsiert aus. Ist das ein Jain? Besser wie nichts. „Ich hab’s geahnt, aber ich hatte leider keine Zeit mehr, ihn zu holen. Er steht in Schenefeld, auf dem Gehöft meiner Eltern.“

Das folgende Lachen schallt durch die Dunkelheit, fest greift Enno an meinen Nacken und legt seine Stirn an meine. „Du hast echt keine Ahnung, wie du auf andere wirkst, oder? Auch nur die geringste Vorstellung davon, wie das Fußvolk um dich herum lebt?“

Der Takt meines Herzens schnellt in die Höhe und mein Mund klappt auf. Schon wieder? Doch Enno hakt einen Finger in den Ausschnitt meines Hemdes. „Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich bei jedem Aufeinandertreffen verrückter nach dir werde.“

„Dann sind wir schon zu zweit“, erwidere ich rau und erleichtert zugleich. Schiebe ihn kurzerhand zur Seite, nestle die Schnürsenkel auf und falle beinahe in dem Versuch, mir meine Schuhe und Socken im Laufen abzustreifen. Trunken vor Glück steige ich auf die Motorhaube und richte mich auf. „Okay, Enno. Lass es uns versuchen.“ Ich breite die Arme aus, drehe mich einmal um die Achse. „Wie willst du mich?“, flüstere ich in die bereits tiefschwarze Nacht und fange seinen Blick ein. Lasse langsam die Jacke von den Schultern gleiten und halte sie zwischen uns. „Saint Laurent. Leder. Ich mag den Stil des Designers, vielleicht ist es aber auch Gewohnheit, ich trage die Marke bereits mein ganzes Leben lang. Meine Mutter hat mich schon in den Laden geschleppt, als ich mit eisverklebten Fingern noch im Buggy gesessen habe.“ Ich schmeiße sie hinter mir auf den Fahrersitz und deute auf die am Boden liegenden Schuhe. „John Lobb. Knappe sechs Monate Wartezeit für die Fertigung. Wegen eines Regengusses habe ich sie mir letztens beinahe ruiniert. Mann, habe ich mich geärgert. Zum Glück konnte meine Haushälterin den Schaden ausbessern. Ich mag sie nämlich gern eingetragen. Wenn ich eines hasse, dann sind es neue Schuhe. Die Männer in meiner Familie lassen sie seit Generationen handfertigen. Ich habe das nie infrage gestellt.“ Mein Hemd knöpfe ich in Zeitlupe auf und schäle mich extra langsam heraus. „Bulgari. Auch nur ein Name. Und gewöhnlicher Stoff noch dazu. Vermutlich genauso in Taiwan genäht wie die an der Stange hängende Kaufhausware. Aber das ist ein anderes Thema. Ich liebe den Schnitt, in den meisten anderen Hemden sehe ich aus wie ein aufgeblähter Hahn.“ Zu guter Letzt löse ich meine Uhr vom Handgelenk, streiche mit dem Daumen über die Verglasung und verstaue sie anschließend in meiner Hosentasche. „Ich bin leidenschaftlicher Uhrensammler. Es wäre eine glatte Lüge, wenn ich sage, die Patek Philippe ist bedeutungslos.“ Ich strecke erneut die Arme von mir, unsicher, seinem wertenden Blick ausgeliefert. „Nimmst du mich so? Die Hose trägt kein bekanntes Label. Sie ist nach Maß von einem der Welt unbekannten, alten Mann geschneidert, der seit jeher die Anzüge für meinen Vater gefertigt hat. Er hat seinen kleinen, unscheinbar wirkenden Laden am Rande der Altstadt. Darf ich sie anbehalten?“ Enno schweigt. Tritt näher und ich spüre seinen Blick meinen Bauch hinauf krabbeln. Inspizierend, fasziniert?

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