Mittwoch, 24. März 2021

[Schnipseltime] Mein unfassbarer Sommer in Sitebüttel von Andreas Tietjen

 


Immer wenn ich nichts zu tun hatte, oder, wie in diesem Fall, einfach nur meine Ruhe haben wollte, verzog ich mich in meinen Aussichtsturm auf dem Scheunendach. Der Rundblick von dort war jeden Tag anders, und es war spannend, die Menschen und Tiere um mich herum zu beobachten, ohne selbst entdeckt zu werden. Briefträger Mielmann reagierte auf meine Scherze nicht mehr und Hofhund Bilbo wusste inzwischen, wie der Hase lief. Gab ich jedoch hoch oben in meinem Versteck irgendwelche Geräusche von mir, so konnte ich sicher sein, dass wenige Minuten später Peggy auftauchen würde. Um wirklich in Frieden gelassen zu werden, musste ich mich deshalb mucksmäuschenstill verhalten. Manchmal legte ich mich in meiner luftigen Bude einfach auf eine der kurzen Bänke und hörte uralte Musik von Ritas Walkman. »In-a-Gadda-Da-Vida« oder »wohle Lotta Love« hießen die Titel zum Beispiel. Bandnamen, wie King Krimson, Iron Butterfly, Greatful Death und Van der Graaf Generator klangen für mich wie Begriffe aus einem Grusel- Fantasyfilm. Peggy war ein Fan von Gartelmans House, Frumpy und Tomorrows Gift – nie gehört!

Dann kam einmal Peter zu mir nach oben, unterm Arm einen Karton mit Elektrogedöns. Er wollte eine Funkantenne auf dem Dach unseres Türmchens installieren und bei der Gelegenheit gleich Licht und eine Steckdose einrichten. Ich fand die Idee toll und half ihm spontan dabei, die Strippen zu verlegen. Nun könnte ich dort oben auch im Dunkeln sein – nur wurde es zu dieser Jahreszeit kaum dunkel. Peter nagelte die Kabel mit Schellen an die Holzbalken und ich durfte wieder einmal Handlanger spielen. Mein Ehrgeiz ließ mich jedoch nach Möglichkeit immer den nächsten von Peters Arbeitsschritten voraussehen, um dann mit dem richtigen Werkzeug oder Montageteil bereitzustehen. Das machte offensichtlich Eindruck auf ihn. Nach einer Weile begann er in einem anderen Tonfall mit mir zu sprechen, so, als wären wir echte Kumpel. Peter schaltete die Sicherung wieder ein und ich rief von weit oben zu ihm herunter: »Alles Okay, das Licht brennt!«

Als er wieder bei mir im Türmchen angekommen war, prüfte er noch einmal alle Leitungen durch, dann entnahm er seinem Karton einen olivgrünen, abgeschrammten Blechkasten mit allerlei Knöpfchen und altmodischen Anzeigeinstrumenten und stellte ihn auf eine der Bänke.

»Was ist denn das für eine Kiste?«, fragte ich und er antwortete voller Stolz, dass es ein Armeefunkgerät sei, welches er, während seiner Bundeswehrzeit, abgestaubt hatte.

»Das Teil dürfte ich natürlich überhaupt nicht haben!«, erklärte er. »Und wenn mich die Post damit erwischt, dann bekomme ich eine saftige Anzeige!«

»Die Post? was hat denn die Post damit zu tun?«

Peter sah mich verächtlich an.
»Na ich benutze deren Funkfrequenzen! Das ist natürlich streng verboten.«

»A ha!«

Ich verstand nichts, aber wenn man Peter etwas fragte, wurde man gleich für blöd erklärt. Das hatte ich schon vorher bemerkt.

Peter schaltete den Kasten versuchsweise an und drehte an den Knöpfen. Die Nadeln der Anzeigeinstrumente schlugen wild aus und aus dem winzigen Lautsprecher kamen alle möglichen Geräusche. Dann plötzlich eine piepsige Melodie und die klare Stimme eines Mannes.

»Peter Acht an Zentrale. Kommen!«

Rauschen. Piepsen und: »Zentrale an Peter Acht, ich höre.«

»Hör mal Heinz-Hermann, in Ostehude liegt ein Wagen auf dem Dach im Graben. Ist aber keiner mehr drin. Schick mir doch mal Günner mit ‘m Abschleppwagen. Den können wir hier nicht so liegen lassen. Und dann schickt mal eine Fahndung raus nach den Halter, ich geb mal das Kennzeichen. Berta, Richard, Viktor ...«

»Das ist Polizeifunk!«, stellte ich überrascht fest.

»Und ›nach den Halter‹ hat er gesagt ... die können hier nicht einmal richtiges Deutsch!«

»Das sind unsere Provinzbullen. Den Peter Acht kenne ich. Der heißt Kulle und kommt aus einem Nachbardorf. Wachtmeister Kulle – so doof wie Stulle!«

Wir fingen an zu lachen. Peggy betrat unseren Turm und fragte neugierig: »Was macht ihr da? Was ‘n das für ‘n Kasten?«

»Du lässt gefälligst deine Finger davon, du Monster! Verdufte!«

Peter und Peggy – das Traumpaar schlechthin!

Später versammelte sich die gesamte WG in einer Art Wohnzimmer, welches Clubzimmer genannt wurde, vor dem einzigen vorhandenen Fernsehempfänger, um eine Sendung über den Vietnamkrieg zu sehen.
»Oh, ein Monochrom-Monitor!«, kommentierte ich überrascht den bläulich schimmernden Bildschirm.
Ein paar Bewohner sahen mich fragend an.
»Na ja, schwarz-weiß ... und Röhre!«, versuchte ich zu erklären.
»Ach, und der feine Herr hat zu Hause einen Farbfernseher, ja?!«, stänkerte Peter.
»Ja natürlich. Sogar einen 4K-Flatscreen!«
Micha mischte sich ein: »Weißt du, wir legen hier nicht so einen Wert auf Fernsehen und solche Dinge. Wir haben alle absichtlich ein Leben auf dem Lande inmitten von Natur und alternativen Lebenswerten gewählt.«

»Ich würde niemals tausend Mark für einen dämlichen Fernseher ausgeben!«, bestätigte Anne.

»Mark? Was für Mark?«

»Oh, habt ihr das gesehen?! Die schmeißen die ganzen Hubschrauber einfach ins Meer! Ist ja irre!«

Die Leute starrten wie gebannt auf die Mattscheibe – es war wirklich eine Mattscheibe! Amerikanische Soldaten stießen völlig intakte Helikopter von einem Flugzeugträger aus direkt ins Wasser. Einen nach dem anderen. Die Leute fingen an zu jubeln, sie schnatterten alle durcheinander und waren ganz aus dem Häuschen.

»Das gibts doch gar nicht! Hab ichs euch nicht gesagt? Die Amis sind fertig!«, frohlockte Jürgen.

Ich hatte von diesem Krieg gar nichts mitbekommen! War Papa nicht vor ein paar Monaten in Vietnam auf Konzertreise gewesen? Von Unruhen hatte er überhaupt nichts berichtet. Micha hatte sich neben mich gesetzt und ich sah aus den Augenwinkeln, dass er mich streng beobachtete. Er hatte wieder diesen Blick, den er immer hatte, wenn ich Dinge anzweifelte. Zum Beispiel als ich es Peggy gegenüber für absurd erklärt hatte, dass ihre zwanzigjährige Schwester angeblich vor vierzig Jahren bei einem Konzert gewesen war. Das war nun mal schwachsinnig, aber Micha hatte mich angesehen, als wäre ich im Begriff, ein Geheimnis zu verraten.

Nachdem die Sendung vorbei war, machten sich die Erwachsenen auf, um zu einer Kneipe in eines der Nachbardörfer zu fahren. Sie wollten sich mit anderen Freunden treffen, über das bevorstehende Festival sprechen und bei dieser Gelegenheit einmal den Bandbus ausprobieren. Ich glaubte einfach, dass sie sich von ihrem Lampenfieber ablenken mussten, denn es war nur noch zwei Tage hin bis zur Abreise.

»Gucken wir Disco?!«, bettelte Peggy, mit der ich mich plötzlich allein im Klubzimmer wiederfand.

»Mach, was du willst. Ist ja sowieso alles schwarz-weiß!«, resignierte ich.

Draußen goss es wie aus Kübeln. Das konnte ja ein tolles Open-Air-Festival werden! Wir hatten als Übernachtungsmöglichkeiten nur einfache Zelte. Altmodische Stoffzelte, die nicht so aussahen, als ob sie einen Regenschauer aushalten würden. Peggy hatte nun zu dieser Oldie-Musiksendung umgeschaltet. Disco. Die Sendung sah aus, wie eine Karnevalsfeier Außerirdischer! Ein Typ, der aussah, wie ein Versicherungsvertreter aus Rio de Janeiro trat platt vor die Kamera.

»Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren, hallo Freunde!«, rief er einer Gruppe von Jugendlichen zu, die ihrer Kleidung nach gerade vom Kirchentag einer katholischen Untergrundbewegung zu kommen schienen.

»Hallo Ilja!«, antworteten sie im Sprechchor. Kotz!
»Oh, der ist sooo süß!«, schmachtete Peggy.

»Wer ist süß? Dieser Spacko?!«

»Der Ilja! Ich finde, der lächelt so süß. Und der sieht schon so männlich aus!«

Dazu fiel mir nicht einmal eine bissige Bemerkung ein! Puzi, dachte ich: Pubertierende Zicke!

Die Musik war unerträglich, Peggys angebeteter Schwarm Ilja zum würgen albern, und die ganze Veranstaltung wirkte wie ein Kindergeburtstag zu Hause beim Chef des amerikanischen Geheimdienstes. Bevor ich meine gute Laune verlor, erbarmte sich Peggy und schaltete weiter zu einem alten amerikanischen Gangsterschinken. Das war wenigstens lustig, besonders die Ausdrucksweise!
»Papalapap!«, sagte einer der Akteure, ein anderer:

»Los, her mit den Piepen!«, und: »Die haben sich einen hinter die Binde gekippt!« Der Sheriff nannte die Gangster »Gauner«, »Schurken« und »Ganoven«, die Bullen wurden »Polypen« und »Polente« genannt. Ich kriegte mich kaum noch ein. Zwischendurch wurde es immer wieder mal fett sentimental, dann, wie gehabt, hart und brutal. Auf jeden Fall schrien die Schauspieler die ganze Zeit über so laut, als müssten sie die ganze Strecke von Hollywood bis nach Deutschland gehört werden. Lustig war auch, wie die Leute mit Pistolen und Revolvern umgingen. Sie hielten diese Dinger komisch angewinkelt in Hüfthöhe und machten beim Schießen Bewegungen in Schussrichtung. Das sah so aus, als ob sie den Patronenkugeln einen Schubs geben wollten. Die Schauspieler hatten scheinbar noch nie etwas von Rückstoß gehört. Albern einfach!

Wir beide saßen da auf dem Sofa wie ein altes Ehepaar. Peggy hatte ihre Beine auf meine Knie gelegt und futterte Kartoffelchips aus einer riesigen Tüte.

»Uäähhh!«, machte sie. »Das ist ja widerlich!«

»Ist doch nur Filmblut. Das machen die aus Ketchup und nach dem Dreh stippen die ihre Bratwürste da rein«, erklärte ich.

Peggy sah mich entgeistert an.
»Und woraus machen die Filmkotze?«
»Keine Ahnung. Schmeckt aber süß. Nach Marzipan irgendwie.«
Jetzt veränderte sich ihr Blick wieder und sie schmachtete mich an, so wie sie es manchmal tat. Und das war mir ganz und gar nicht geheuer!

»Was du immer alles weißt!«

Sie bot mir von ihren Chips an, die sie zuvor genüsslich allein geknuspert hatte.

»Hast du echt einen Farbfernseher?«

Was sollte ich jetzt sagen? Wir hatten drei Stück davon zu Hause. Einen im Wohnzimmer, einen in Leas und einen in meinem Zimmer.

»Mein Vater ist Promi«, sagte ich entschuldigend. »Der hat genug Kohle.«

Peggy grübelte. Ich glaubte, dass sie nicht wusste, was ein Promi war. Sie blies sich ihren zu langen Pony aus den Augen.

»Willst du später auch mal Promi werden?«
»Nein, ich werde Medienwissenschaften studieren.«

Jetzt triefte ihr Blick geradezu. »Mädchenwissenschaften. Ja, ich glaube, das liegt dir!«

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