Freitag, 13. Oktober 2017

[Protagonisteninterview] Steamtown von Carsten Steenbergen

Protagonisteninterview Steamtown

Ich treffe mich heute mit Pater Siberius Grand, Mister Ferret und Agent Eric van Valen in der „Buckligen Ratte“.
Ich sitze gerade an der Bar, als mich der Barkeeper Gus O’Brian fragt, was ich zu trinken haben will, da ich nicht sofort antworte, beginnt er mir die Geschichte der „Buckligen Ratte“ zu erzählen. 
Na gut, da du noch Zeit brauchst, zu entscheiden, was du trinken willst, kann ich dir ja erzählen, wie mein Lokal zu seinem Namen kam. Siehst du dieses Vieh hier über mir? Die ausgestopfte Mutantenratte. Das war im Vorratskeller, ja, genau unter unseren Füßen. Ich wollte ein paar Flaschen nach oben bringen. Das gute Zeug für die Kunden mit ordentlich Barem in der Tasche. Die sind hier selten genug, aber an dem Abend saßen gleich drei von ihnen bei mir an der Bar. Ist das zu glauben? Ein absoluter Volltreffer. Jedenfalls krieche ich hinter eines der Regale, da sprang mich das Scheißvieh mit seinen glühenden Augen ohne Rücksicht auf Verluste an. Ich sag dir, groß wie ein Pony und ebenso schwer. Dass ich unter dem Fleischberg überhaupt rausgekommen bin, ist ein absolutes Wunder. Ich war ja schließlich allein in dem beschissenen Keller. Ich habe es also gerade noch geschafft, mein Messer nach vorne zu bringen, bevor ... oh. Dein Besuch ist eingetroffen. Ich erzähle dann später weiter, einverstanden?
Auf einmal geht die Türe auf und die Drei treten über die Schwelle. Ich stehe auf und gehe ihnen entgegen. Nach einer kurzen Begrüßung mit Handschlag gehen Pater Grand und ich zur Bar, während die anderen beiden sich in eine stille Ecke der Bar zurückziehen. Wir bestellen unsere Getränke und eine Kleinigkeit zu essen, dann beginnen wir das Interview.

Hallo und herzlich willkommen. Danke, dass Sie heute die Zeit gefunden haben mit mir zu sprechen und das Interview möglich zu machen.
(Zieht hoch und spuckt demonstrativ neben die Bar)
Was heißt schon möglich machen? Ich hätte den Abend so oder so in der Ratte verbracht. Hier hat jeder genug mit sich selbst zu tun und in der Regel wird man auch nicht von irgendjemandem mit xxx . Man hat seine Ruhe, verstehen Sie? So wie meine beiden Kollegen gerade. Meine verfluchte Gutmütigkeit, bin ja selbst schuld.
Gus, ja, der redet zuviel. Wie immer. Aber das kann man ausblenden. Einfach nicht hinhören und weiter in sein eigenes Glas starren.

Würden Sie sich bitte vorstellen?
Grand. Siberius Grand. Ministerialkaplan im Dienste unserer Majestät, geschasster Prior der Kirche, Pater ... Der Schlächter von Arminton. Suchen Sie sich was aus.

Um gleich einmal zu Ihrem Fall zu kommen, er scheint ja ziemlich kompliziert zu sein und Sie zu Orten zu führen, die mehr als ungemütlich, ja sogar gefährlich erscheinen?
Verfluchte Heiligkeit, was in dieser heruntergekommenen Stadt ist denn nicht gefährlich? Wenn man nicht aufpasst, findet man sich in irgendeiner Gasse mit dem Messer einer Straßendirne im Rücken wieder, die mutierten Ratten hält nichts mehr in ihren Löchern, die Froschfressen von Quexer sind zahlreicher als die Wackersteine im Pflaster und von den Behörden will ich gar nicht erst anfangen. Dagegen sind die Aufenthalte in der Kanalisation beinahe die reinste Erholung. Riecht nur strenger als sonst wo.

Sie arbeiten ja mit zahlreichen Hilfsmitteln, alleine, wenn ich mir ihren Zylinder ansehe, Pater Grand. Was kann man mit ihm alles machen?
Meinen Zylinder kann man tragen. So wie jeden anderen Hut auch. Kennen Sie bestimmt. Hüte eben. (Schnauft genervt)
Was Sie vermutlich meinen, ist mein Plasmaokular. Das haben alle ausgebildeten Aetheromanten. Das sollten Sie eigentlich wissen, wenn Sie ihre Hausaufgaben gemacht hätten.
Damit sieht man hinter den Vorhang des Puppenspielers, wie ich es nenne. Kennen Sie sich mit der Plasmonenforschung aus? Die winzigen, leuchtenden Sprenkel, die alles umgeben, was mit Plasma in Berührung kommt? Nein? Hatte ich auch nicht erwartet.

Haben die anderen auch solche Hilfsmittel zur Verfügung, oder braucht man einen gewissen Grad oder Ausbildung, um solche Hilfsmittel mit sich führen zu dürfen?
Ob die anderen ...? Leute wie Sie bereiten mir Kopfschmerzen. Ja, verflucht, natürlich muss man ausgebildet sein, wenn man mit speziellen Gerätschaften hantiert. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass man einem Pinselaffen eine geladene Flechette in die Hand drückt und dann hofft, dass er weiß, wohin er zielen muss?
Ferret braucht keine Hilfsmittel. Sein ganzer Körper besteht daraus. Aber sprechen Sie ihn besser nicht drauf an. Obwohl, wenn Sie mir eine Freude machen wollen, tun sie es doch. Er mag nicht darüber reden, warum auch immer. Ziemlich eitel für einen seines Schlages. Man sollte ja meinen, dass er eh nichts mehr ...
Und unser junger Agent, Mister van Valen, der hat seine Hoegle, sein Diensteisen. Mit der Waffe kann er tatsächlich umgehen, wenn er daran denkt, sie zu benutzen.

Was sind Aetheromanten?
Nennen Sie es eine Spezialeinheit, wenn Sie so wollen. Anfänglich, als die Forschungsabteilung des Ministeriums noch nicht so weit war, hat die Kirche unter Bischof Soterus die Ausbildung derjenigen Geistlichen übernommen, die besondere Fähigkeiten zeigten. In Verbindung mit dem Plasma, das heutzutage unsere Straßen und Häuser erhellt. Und anderes. Man hat es damals den Einfältigen tatsächlich noch als Zeichen der göttlichen Macht verkauft. Können Sie sich das vorstellen? Ha ha.
Tatsächlich stellten sich die seltsamen Erscheinungen in der Stadt als Folge des ungesicherten Gebrauchs des Plasmas heraus. Und um die unter Kontrolle zu bringen, brauchte es uns Aetheromanten. Ganz einfach.

Wir sitzen jetzt schon relativ lange hier und ich glaube, der Fall löst sich nicht von alleine, deshalb möchte ich Sie nicht länger aufhalten, aber eine Frage hätte ich noch. Welche Wünsche und Ziele haben Sie noch für Ihr weiteres Leben, für das Zusammenarbeiten und für die Stadt?
Für mein eigenes Leben?  Möge es ruhig und unbelästigt weiterlaufen. Ohne diesen ganzen scheiß Abschaum, der einem wie ein Explosivkragen um den Hals hängt. Diese Stadt, die geht eh vor die Hunde, früher oder später.


Herzlichen Dank, für das Interview!
Ich bin also endlich erlöst? Und ich dachte schon, Sie finden nie ein Ende mit Ihrer Fragerei. Behalten Sie beim Rausgehen die Typen am Tisch neben dem Ausgang im Auge. Sollten sie Ihnen folgen, nehmen Sie besser die Beine in die Hand. Und jetzt will ich endlich in Ruhe meinen Branntwein trinken ...

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